Schwetzingen

Rokokotheater Dänisches Kollektiv „Between Music“ präsentiert mit „Aquasonic“ ein Unterwasserkonzert für alle Sinne in fünf riesigen Aquarien

Ein Akt höchster Kunstfertigkeit

Viele bewegende Momente hat das Schwetzinger Rokokotheater in seiner Geschichte schon erlebt. Doch wenn am morgigen Sonntag erstmals das dänische Künstlerkollektiv „Between Music“ auf der Bühne steht, um dem Opernfestival „Mannheimer Sommer“ in fünf riesigen Aquarien mit „Aquasonic“ ein Unterwasserkonzert für alle Sinne zu liefern, darf man diese Ankündigung tatsächlich im Wortsinn als einmaliges Ereignis begreifen.

Was nach akustischer Fiktion klingt, ist dabei in Wahrheit das Ergebnis einer Dekade eiserner Verfeinerung – geboren aus dem Drang, gespielter Klassik einen radikal neuen Ort zuzuweisen. Die künstlerische Direktorin Laila Skovmand nennt es im Gespräch mit unserer Zeitung ein „organisches Verlangen, das flüssige Element klanglich zu erkunden“ und meint damit doch auch die Angst vor dem kühlen Begleiter als steten Handlungstreiber.

Denn während sie auf den Brettern des kurfürstlichen Hoftheater hunderte Liter Wasser den Pegel in den blank polierten Scheiben einmütig heraufklimmen sieht, gelingt ihr das noch als Beobachterin – wenn sie das Wasser einmal mehr so weit wie möglich in ihre Kehle fließen lassen wird, um gesungene Noten als schallende Luftblasen an die übertragenden Hydrophone zu schicken, bedeutet jeder Fehler Lebensgefahr – und das Hören doch Verzücken. „Ist das nicht der paradoxe Reiz? Dass das Wasser als Element keine Grenzen kennt und wir es wagen, ihm welche zu setzen?“ Skovmands Lachen hat etwas Triumphales an sich – doch an Hochmut mag man nicht denken.

Nautische Magie

Denn auch, wenn Instrumentalisten wie Robert Karlsson vermeintlich einfache Harmonien mit in die Unterwasserwelt nehmen, um sie dem Publikum in ihrer nautischen Magie mit ganz neuem Gewand zu präsentieren, ahnen sie ganz genau: Die Struktur, in der all das bestehen kann, ist ein fragiles Gerüst, an dem jedes Detail stimmen muss. Ein Hauch Adrenalin zu viel werden die 30 bis 60 Sekunden, die ein jeder bis zum nächsten Atemzug unter Wasser bleiben kann und muss, vielleicht um den entscheidenden Moment verringern – und das ganze System damit gefährden.

Das ganze System sind bei „Aquasonic“ nicht nur fünf Aquarien, die mit bis zu 2000 Litern Wasser gefüllt pro Stück an die drei Tonnen auf die Waage bringen, für die der Bühnenboden im renommierten Hoftheater sicherheitshalber sogar verstärkt wurde. Es sind auch die Instrumente, die speziell für diesen Zweck angefertigt wurden und dabei doch ganz besonderen Ansprüchen genügen müssen.

Die Violine, die für die Nutzung unter Wasser eigens aus Karbonfaser gebaut wurde, mutet da fast schon ebenso gewohnt an, wie Röhrenglocken, Gongs und Darboukas, die als Trommelinstrumente lediglich wasserfest auszurüsten waren. Ein Blick auf das Kristallophon dagegen, für das Mozart als Glasharmonika schon Stücke komponierte, oder komplexe Apparaturen wie das Hydraulophon, das die Schwingungen des Wassers nutzt, um lyrische Turbulenzen hörbar zu machen, gehören zweifelsohne zur elaborierten Instrumentenkunst, die schon tief zu imponieren beginnt, noch ehe sie auch nur ein Ton verlassen hat.

Mit der speziell für „Between Music“ gefertigten Rotacorda kommt außerdem eine in den USA konstruierte Wasserdrehleier ins Spiel, deren episch gestreckten Saiten nicht nur von mehreren Metallrädern zur Vibration gebracht, sondern durch das Horn eines alten Bassgrammophons auch noch verstärkt werden.

Skurril mutet diese Versuchsanordnung auf den ersten Blick ohne Zweifel an. Doch wer den Kompositionen lauscht, die ebenso viel nordische Mythologie, wie intime Traumversunkenheit in sich tragen, entdeckt unendlich viel progressiven Mut hinter der Eintracht, die Laila Skovmand, Robert Karlsson, Nanna Bech, Dea Marie Kjeldsen und Morten Poulsen hier in selbstverständlicher Eintracht in sich tragen.

Dass dabei durchaus nicht jedes Konzert wie das andere ist, stellt Perkussionist Morten Poulsen ganz deutlich klar: „Wir sind enorm fokussiert und spüren aber genau deswegen selbst durch das Glas hindurch, was das Publikum uns spiegelt. Insofern sind es isolierte Erfahrungen, die wir in einem Raum sammeln, in dem nur wir ganz alleine sind. Doch dass wir diesen Raum an einem Ort und vor Menschen sichtbar machen dürfen, die die Avantgarde der Kunst schon seit Jahrhunderten prägen, ist etwas unbeschreiblich Schönes“ – und zweifellos ein Akt höchster Kunstfertigkeit.

Das Wichtigste von heute
Newsticker Rhein-Neckar
Newsticker Schwetzinger Zeitung
Newsticker überregional