Schwetzingen

Vernissage „Stille Nacht, heilige Nacht“ singen verfeindete Soldaten an Heiligabend gemeinsam im Schützengraben / Ausstellung im Karl-Wörn-Haus

Ein Lied als patriotisches Symbol

Es sind nur ein paar simpel wirkende Noten und einige Strophen zu Weihnachten. Aber diese Noten und Strophen, vor 200 Jahren in Oberndorf im Salzburger Land uraufgeführt, sind wie kaum ein anderes Lied mit der jüngeren Deutschen Geschichte seit 1818 verknüpft. Für den nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/1871 gerade im Entstehen begriffenen Nationalstaat Deutschland entwickelten das Weihnachtsfest und das zu einer Art heimlichen Hymne hochstilisierte Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“ eine beachtliche identitätsstiftende Wucht.

So ziemlich sämtliche Vorstellungen von Weihnachten in Deutschland, das wird mit der kleinen aber sehr eindrücklichen Ausstellung „Stille Nacht – zwischen Andacht und Patriotismus“ im Karl-Wörn-Haus überdeutlich, stammen aus dieser Periode Mitte des 19. Jahrhunderts und des beginnenden 20. Jahrhunderts.

Es ist eine eher kleine Ausstellung im Untergeschoss des städtischen Museums. Aber die Postkarten, handschriftlichen und gedruckten Notenblätter und Bilder sowie die Instrumente aus der Sammlung Dr. Rüdiger Thomsen-Fürst und und Dr. Marion Fürst vermitteln ein eindrückliches Bild der Historie dieses Liedes und seiner Bedeutung für die deutsche Geschichte.

Das Lied, daran ließ das Wissenschaftlerpaar auf der Vernissage keinen Zweifel, „ist ein Faszinosum“. Bereits 1816 schrieb der Hilfspriester Joseph Mohr in Oberndorf das Gedicht „Stille Nacht! Heil’ge Nacht!“ Zwei Jahre später bat er den Organisten und Schullehrer Franz Xaver Gruber um eine passende Melodie. Erstmals erklungen ist das Weihnachtslied „Stille Nacht, heilige Nacht“ an Heiligabend 1818 in der Kirche St. Nikola in Oberndorf. Vom Zillertal in Tirol ausgehend, erlebte das Lied dann eine enorme Verbreitung. Heute wird es weltweit in über 300 Sprachen gesungen und seit 2011 findet sich das Lied gar im Unesco-Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes.

Nationaler und familiärer Überbau

Dazu beigetragen haben zu Beginn, so Rüdiger Thomsen-Fürst, vor allem Tiroler Sängergruppen, die das Lied nach Deutschland brachten. Erstmals gedruckt wurde „Stille Nacht“ von dem sächsischen Musikverleger August Robert Friese im Jahr 1832 in Dresden. Dabei gerieten Dichter und Komponist kurzzeitig in Vergessenheit. Dass die beiden heute als Urheber bekannt sind, ist dem preußischen König Friedrich Wilhelm IV. zu verdanken. Spätestens zum Ende des 19. Jahrhunderts war das deutsche Weihnachtsfest ohne „Stille Nacht“ nicht mehr vorstellbar. Das Lied bildete einen zugleich nationalen wie familiären Überbau.

Und dieser Überbau in der Kaiserzeit bestand vor allem aus einem alles durchdringenden militärischen Gerüst. Der Christbaum wurde erst nach dem Sieg über Frankreich 1871 zu einem deutschen Weihnachtssymbol. Am Heiligen Abend dieses Kriegswinters 1870/1871 entschieden aristokratische Offiziere, dass in Lazaretten, Quartieren und Unterständen Weihnachtsbäume stehen und Kerzen entzündet werden sollen. Für sie ein stolzes Symbol deutscher Volksverbundenheit und Überlegenheit.

Als die Soldaten heimkehrten, sorgten sie dafür, dass alsbald in jedem deutschen Haus solch ein Baum leuchtete. Es sei nicht übertrieben, so Thomsen-Fürst, in diesen Jahren vom Christbaum als Sinnbild für das überlegene deutsche Wesen mit der bürgerlichen Utopie von einer heilen Welt zu sprechen. An den Bäumen hingen übrigens weniger Kugeln und Sterne als eiserne Kreuze, Kriegsgerät wie Handgranaten und Schmuck in den Farben des Kaiserreichs.

Stärkung der Wehrkraft

„Stille Nacht“ avancierte in dieser Zeit, so Thomsen-Fürst, vollends zum patriotischen Symbol. Wie kaum ein anderes Lied sprach es Soldaten und Daheimgebliebene an und stärkte damit die Wehrkraft.

Ein Satz, der für die Weihnachtszeit 1914 an einigen Abschnitten der Westfront nicht galt. Es war in der Nähe Yperns, deutsche und englische Soldaten lagen keine 50 Meter auseinander. Die Nacht zum 24. Dezember war sternenklar und eiskalt. Ideale Kampfbedingungen, aber es wurde kaum geschossen. Und auf einmal erklang über dem Schlachtfeld das Lied „Stille Nacht“.

Die Deutschen sangen, was die Engländer irritierte. Für sie waren die deutschen Soldaten barbarische Hunnen ohne Kultur. Ihre musikalische Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Zahlreiche Briefe zeugen von diesem wohl ungewöhnlichsten Friedensschluss aller Zeiten. Inmitten aller menschenverachtenden Grausamkeit entdeckten verfeindete Soldaten über dieses einfache Lied den Menschen im anderen. Oder, wie es der preußisch-deutsche Kronprinz Wilhelm sagte: „Hier hatte das Weihnachtslied mitten im bitteren Ernst des heimtückischen Grabenkrieges ein Wunder gewirkt und von Mensch zu Mensch eine Brücke geschlagen“.

Der Frieden währte nur kurz. Die Offiziere auf beiden Seiten tobten und hetzten die Soldaten unter Androhung von Erschießungen erneut aufeinander.

Es ist wahrlich nur eine kleine Ausstellung im Karl-Wörn-Haus. Aber sie vermag den Horizont des Betrachters auf geradezu aufsehenerregende Weise zu weiten.

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