Schwetzingen

Stadtbibliothek Isabel Fargo Cole liest aus ihrem Debütroma "Die Grüne Grenze" / Angetan vom Reiz des Landes hinter Mauern

Eine Amerikanerin im Harz

"Man kommt nicht ohne Weiteres an Bücher, die in kleinen Verlagen erscheinen", führte Cornelius Kieser die Schriftstellerin und Übersetzerin Isabel Fargo Cole ein, "wir hatten jedoch das Glück, dass zu uns ein Verlagsvertreter kam, der ein Literaturenthusiast ist und sich begeistert zeigte vom Debütroman der Autorin." So kam es, dass sie zu Gast war in der Stadtbücherei. Und der Roman, auf den Kieser Bezug nahm, heißt "Die Grüne Grenze" (Edition Nautilus).

Isabel Fargo Cole ist Amerikanerin, geboren in Galena, einer schönen Stadt in Illinois, wuchs in New York auf und hat in Chicago studiert. Das veranlasste Cornelius Kieser gleich zur ersten Frage, die er an sie stellte: "Wie kommt es, dass eine US-Amerikanerin nach Berlin zieht?" In akzentfreiem Deutsch erzählte Cole, dass sie Deutsch studiert habe und 1987 auf einer Klassenfahrt während eines Schüleraustausches nach Bielefeld und Ost-Berlin kam. "Ja, und da war es einfach um mich geschehen." Es sei schon ein erstaunliches Faktum, meinte Kieser, dass sie einen fast 500-seitigen Roman über die DDR geschrieben habe, der nicht mit dem Mauerfall endet, sondern einige Jahre davor, und der im Harz spielt. "Wie sind Sie auf den Stoff gekommen?" Es habe sie gereizt zu wissen, sagte Cole, was in einer Welt geschehe, die absurderweise hinter der Mauer versteckt war. Nach dem Mauerfall sei sie dann durch den Harz gewandert.

Der Stoff für das Buch hat sich durch viele Gespräche mit Freunden aus Ostdeutschland ergeben und durch ihre Wanderungen durch das ehemalige Grenzgebiet. Das Schwierigste war, einiges über die Lebensumstände im Sperrgebiet zu erfahren. Dafür habe sie in Archiven recherchiert und die Einwohner befragt, wie der Alltag in dem kleinen Ort Sorge aussah.

Fiktion in wahrer Historie

Nachdem Cole kurz in die Handlung eingeführt hat, die Zuhörer mit dem Ort und den Personen bekannt machte, begann sie Auszüge aus dem Roman zu lesen. Sie erfuhren, dass ein junges Künstlerpaar von Berlin aufs Land, in das Dorf Sorge zieht, wo sie ein altes Haus geerbt haben. Das war 1973, das Jahr, als in der DDR ein gewisses Tauwetter begann. Sie, Editha, ist Bildhauerin, er, Thomas, schreibt einen Roman über die Grenze. Das bietet sich an, denn der Harz war schon immer eine Grenze zwischen religiösen und politischen Machtsphären, zwischen Germanen und Slawen, zwischen Mensch und Natur. Doch schon 1976 ist das Tauwetter vorbei. Tochter Eli wächst auf in einer Welt, in der das Aussprechen gewisser Wahrheiten höchst gefährlich sein konnte.

"Am Wochenende schloss sie sich stundenlang mit Eli ins Atelier ein. Thomas flüchtete aufs Dach. Jedes Mal, wenn er Eli abgab, überkam ihn . . . Erleichterung, Panik? Und die war nur hier oben auszuhalten, bei der unmöglichen Aufgabe, das Dach winterfest zu machen". In scheinbar monotoner, aber durchaus elektrisierender Art nahm Cole beim Lesen solcher Passagen das Publikum in den Gedankenstrom des Buches hinein, das auch von der Musik des Textes mitgerissen wurde. Sie hörten sich so an, als würde nicht viel passieren, und trotzdem knisterte es im Saal vor Spannung. Wie ein feiner Nebel legte sich eine tiefe Melancholie über das Geschehen, das Cole schilderte, über all die gebrochenen Gestalten, die von großer Traurigkeit erfüllt sind.

Eben darin liegt auch die Anziehungskraft des Buches und die Zuhörer wollten am Ende mehr von der Autorin wissen, ob sie auch deutsch denke, wenn sie schreibt, ist doch Englisch ihre Muttersprache, ob es reale Vorbilder gebe und ob sich in den Personen jemand wiedererkennen würde. Sie wollte keine authentischen Geschichten von Sorge schreiben, erläuterte Isabel Fargo Cole, die Personen sind frei erfunden, die Handlung Fiktion, "der historische Hintergrund aber sollte stimmen". Sie habe, so die Autorin, lange auf Englisch geschrieben, "aber die Wendegeschichten lassen sich viel besser auf Deutsch erzählen".

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