Schwetzingen

Aktion „Night of light“ In der Nacht von Montag auf Dienstag werden Veranstaltungsgebäude im ganzen Land in rotes Scheinwerferlicht getaucht / Flammender Appell an die Politik

Eine Branche in Not: Lösungen müssen jetzt her

Archivartikel

Die Farbe Rot hat Signalwirkung. Mit ihr werden positive wie negative Eigenschaften verbunden – Rot symbolisiert Leidenschaft, aber auch Bedrohung. Und genau darum ging es bei der „Night of light“ – der Nacht des Lichts. Bei dieser länderübergreifenden Aktion wurden von Montag, 22 Uhr, bis Dienstag, 1 Uhr, fast 9000 Veranstaltungsgebäude in der Republik und auch in den Nachbarländern beleuchtet, mehr als 8000 Unternehmen wirkten dabei mit und schickten so einen flammenden Appell an die Politik zur Rettung der Veranstaltungswirtschaft.

Initiiert hat sie Tom Koperek, Vorstand der LK-AG Essen. Auch in der hiesigen Region tauchten Beleuchtungsexperten wie Andrea Wilhelm und ihr Team von der Schwetzinger Veranstaltungsfirma „Wivent“ oder Stefan Batzill und seine Crew von „Durapix“ aus Heidelberg Gebäude in ein rotes Licht. Das Palais Hirsch auf dem Schlossplatz in Schwetzingen zum Beispiel. „Wir unterstützen die ,Night of light‘, da für uns ein reges kulturelles Leben in der Stadt natürlich von großer Bedeutung ist“, entgegnet Pressesprecherin Andrea Baisch im Namen der Stadtverwaltung auf eine entsprechende Anfrage dieser Zeitung. Und sie ergänzt: „Sobald die Vorgaben für Veranstaltungen vom Land ebensolche im Palais Hirsch zulassen – wobei wir im Sinne der Abstandsregeln hier ja zusätzlich in der Personenzahl sehr begrenzt sind – und Akteure und Künstler dann auf uns zukommen, werden wir uns überlegen müssen, inwieweit wir zum Beispiel bei den Mietkosten den Veranstaltern und Künstlern entgegenkommen können. Hier werden wir dann sicher eine gute Lösung finden“, signalisiert sie Flexibilität zugunsten von Kunst und Kultur.

„Sitzen alle in einem Boot“

In rotes Licht wurde auch das Theater am Puls in der Marstallstraße getaucht. Intendant Joerg Steve Mohr hat klare Erwartungen an die Politik: „Ich erwarte, dass man sich mit den Betroffenen der Veranstaltungsbranche an einen Tisch setzt und gemeinsam nach Lösungen sucht. Es kann ja nicht sein, dass es Lösungen für den Flugverkehr, den Fußball, den Tourismus oder die Autoindustrie gibt, aber für alle Menschen, die im Bereich Veranstaltung arbeiten, werden keine oder nur schwer realisierbare Lösungen gefunden. Und wenn man zu dem Schluss kommt, dass es keine wirklichen Lösungen gibt, dann wäre es notwendig, diese Branche finanziell so zu unterstützen, dass nach Corona oder in einem Leben mit Corona die Kultur in ihrer Vielfalt nicht weitgehendst verschwindet. Und zu uns Kulturschaffenden gehört die Veranstaltungstechnik genauso wie die Schauspieler, Autoren und Regisseure“, findet Mohr deutliche Worte. „Wir sitzen letztendlich alle im gleichen Boot. Können Theater, Konzerte oder Events nicht mehr stattfinden, dann trifft das natürlich auch die Branche der Veranstaltungstechniker. Und wenn diese den Lookdown nicht überleben, dann haben Theater oder Kunstschaffende allgemein ein Problem. Denn am Ende sind wir alle voneinander abhängig.“

Sehnsucht nach Normalität

In seinem Theater bekommt er die Krise ordentlich zu spüren (wir berichteten mehrfach). Normalerweise wäre jetzt Sommerpause. „Dennoch haben wir Ideen, das kulturelle Sommerloch mit Inhalten zu füllen. Einerseits damit Kulturbegeisterte nicht ganz ohne Kultur den Sommer verbringen müssen, andererseits gibt es uns auch die Möglichkeit, den Künstlern Auftritte zu verschaffen und dadurch etwas Geld zukommen zu lassen“, macht Mohr deutlich.

Ist es bereits ein Überlebenskampf, den das TaP führen muss? „Gott sei Dank nicht. Das TaP ist anders aufgestellt als die meisten anderen privaten Theater. Dank der Stadt Schwetzingen halten sich unsere laufenden Kosten im überschaubaren Rahmen. Da wir uns bereits vor der Krise ausgebeutet haben, ohne viel Geld zu verdienen, ändert das an unserer Situation nicht viel. Die war bereits davor schon hart. Aber unsere freischaffenden Schauspieler tun mir leid. Dank der Spenden konnten wir die Schauspieler für die Monate März und April auszahlen. Wäre toll, wenn wir noch ein paar Spenden bekämen“, verweist der Theatermann auf ein entsprechendes Konto (unter www.theater-am-puls.de).

Die Sehnsucht nach ein Stück Normalität ist nicht nur bei ihm groß: „Es wäre prima, wenn wir überhaupt mal wieder normal proben könnten. Das ist aber wegen den Hygienebestimmungen zurzeit nicht möglich. Auch der Zustand auf der Bühne müsste sich normalisieren. Ich ärgere mich immer, wenn ich in den Nachrichten Fußballausschnitte sehe: Da wird ein Tor geschossen und alle fallen sich schwitzend und anschreiend in die Arme. Ich verstehe gar nicht, was jetzt anders ist als zu der Zeit, als das Video von Kalous (Fußballer Salomon Kalous, Anm. d. Red.) erschien. Wir dürfen uns auf der Bühne keine Requisiten übergeben und müssen Abstand halten. Ich würde gerne wieder normal arbeiten dürfen und hätte nichts gegen regelmäßige Testungen. Die App ist ja schon da. Aber das geht halt nur, wenn man eine starke Lobby hat“, wünscht er sich ein größeres Verständnis bei Bund und Land.

„50 Prozent Verlust bis August“

Neben dem angestrahlten Lutherhaus und der evangelischen Stadtkirche machte auch die Wollfabrik auf sich aufmerksam. Inhaber Joachim Schulz bietet in Schwetzingens kleinem Kulturtempel seit Wochen Streaming-Angebote an – mit der evangelischen Kirche Gottesdienste, mit Künstlern Konzerte und auch einen wöchentlichen Talk. Finanziell hängen bleibt da nichts – im Gegenteil: „Rent4Event“ und „Session Pro“ – für Licht, Ton und Aufzeichnung im Einsatz – arbeiten genauso ohne Lohn wie der Wollfabrik-Chef, der letztlich sogar noch Rechnungen bezahlen muss, etwa für die Reinigung. „Wir gehen in diesem Jahr von mindestens 200 000 Euro Verlust aus, dies kann auch noch mehr werden, wenn nicht ab September wieder alles normal weitergeht mit für uns bis zu 500 Zuschauern“, überschlägt Schulz grob den bisherigen Jahresumsatzverlust („Bisher 25 Prozent, bis Ende August sind es 50 Prozent“). Er macht keinen Hehl daraus, dass „es ein Überlebenskampf ist und bleibt“, zumal er ja erst ordentlich Geld in die Hand genommen hat, um die Wollfabrik zu sanieren und mit modernster Technik auszustatten. Er fordert daher klar: „Es müssen mehr Mittel von Bund, Ländern und Kommunen kostenlos ohne Rückzahlung zur Verfügung gestellt werden, um die laufenden Kosten zu decken.“ Kredite helfen hier nicht weiter. „Um die Kultur in Zukunft weiterhin wie bisher auf einem guten und hohen Niveau aufrechtzuerhalten, muss eine weitere große finanzielle Unterstützung kommen“, appelliert Schulz an die Politik und fordert gleichzeitig ein schnelles Reagieren. Zudem hofft er auf mehr Unterstützung seitens der Kommune.

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