Schwetzingen

Er konnte auch zuhören

Archivartikel

Werner Schellenberg hat bei Karl Barth in Basel Theologie studiert

Wie kam es zur doch großen Nähe zum Theologen Karl Barth in Basel?

Schellenberg: Nach meinen Studiensemestern in Heidelberg und Göttingen zog ich im Frühjahr 1956 nach Basel. Die theologische Fakultät war kleiner als die Fakultäten in Göttingen und Heidelberg. Mit etwa 200 Studenten war die Atmosphäre angenehmer, überschaubarer. Die Kontakte zu den Professoren und Dozenten waren intensiver und vertrauter. So konnte ich Karl Barth – er war der bedeutendste Theologe an der Fakultät und inzwischen weltweit bekannt – persönlich erleben und ansprechen, nach der Vorlesung und in der Sozietät.

Wie gab sich Karl Barth in den Vorlesungen und in dieser Sozietät – einer Art Stammtisch?

Schellenberg: Karl Barth war damals 70 Jahre alt. Seinen runden Geburtstag haben wir mit ihm fröhlich gefeiert. Mit seinem breiten schweizerischen Akzent begegnete er uns freundlich und interessiert ebenso wie seine unentbehrliche Assistentin Charlotte von Kirschbaum. In seinen Vorlesungen wirkte er lebendig, ja geradezu leidenschaftlich trug er seine Kirchliche Dogmatik vor; manchmal auch mit spitzem Humor in der Auseinandersetzung mit seinen Kritikern. Im Seminar gab es Diskussionen, der große Lehrer hörte aufmerksam auf die Beiträge der Studenten. Den besten Kontakt mit ihm hatten wir in der Sozietät. Eine Gruppe von 20 bis 25 Studenten, meist älteren Semesters, traf sich donnerstags abends im Restaurant „Bruderholz“. Bei Pfeifenrauch und Bier diskutierten wir Texte aus früheren Bänden der Dogmatik wie auch aktuelle Fragen. Karl Barth brauchte für seine Arbeit das Gespräch mit den Studenten.

Welche Bedeutung hat der Theologe für die evangelischen Christen heute noch?

Schellenberg: Karl Barth hat im 20. Jahrhundert die theologische Landschaft bestimmt, hier in Deutschland, in Mittel- und Nordeuropa, in den USA und bis nach Ostasien, Korea und Japan. Von 1932 bis 1962 hat er seine Kirchliche Dogmatik in Vorlesungen vorgetragen, inzwischen gedruckt auf über 9000 Seiten in 13 weißen Bänden. In aller Breite und Tiefe ist sein Grundgedanke entfaltet, den er in der ersten These der Barmer Theologischen Erklärung 1934 gegen die damalige Naziideologie und falsche Lehre in der Kirche formuliert hat: „Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.“ Seine Arbeit ist konzentriert auf die Predigt, die Verkündigung des Wortes Gottes und auf die Situation der christlichen Kirche in der Welt ausgerichtet. Als Mahner und Kritiker hat er Stellung bezogen zu gesellschaftlichen und politischen Fragen in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, während der Naziherrschaft und nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland. Er hat 1938 das „Schweizerische Evangelische Hilfswerk für die Bekennende Kirche in Deutschland“ mit aufgebaut. Am Tag des Kriegsendes 1945 hielt er in der Schweiz einen Vortrag über „Die geistigen Voraussetzungen für den Neuaufbau in der Nachkriegszeit“. Im Frühjahr 1946 hielt er in Bonn Vorlesungen und Seminare in seiner früheren Universität. Seine Hörer waren gerade erst dem Krieg entkommen. Sein Lebenswerk gibt uns Maßstäbe für notwendige Entscheidungen.

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