Schwetzingen

Schloss Hofdame Amöna von Sturmfeder erzählt auf vergnügliche Weise von Casanovas Aufenthalt

Er war ein wahrer Charmeur

"Momentan ist Schwetzingen in großem Aufruhr", ruft Amöna von Sturmfeder, eine edel gekleidete Hofdame Ihrer Durchlaucht Kurfürstin Elisabeth Auguste, aufgeregt der überraschten Gruppe zu, die sich am Freitagabend zur Casanova-Sonderführung eingefunden hat. "In der Sommerfrische, in der sich der Hofstaat von April bis Oktober aufhält, geht alles drunter und drüber, zum einen, weil hier ein ganz hoher Gast weilt, der sich um eine Anstellung bei Hofe bemüht, und zum anderen wegen eines sehr traurigen Anlasses: Pfalzgraf Friedrich Michael von Zweibrücken, Ehemann der jüngsten Schwester Elisabeth Augustes, Prinzessin Franziska Dorothea, und Liebhaber der Kurfürstin Auguste liegt im Sterben."

Traurig ist die Hofdame darüber nicht, denn "zu diesem Herrn habe ich nicht das beste Verhältnis", eher bemüht sie sich um den Gast, den legendären Ciacomo Casanova, dessen Ruf als unwiderstehlicher Frauenverführer seiner Ankunft vorausgeeilt ist. "Heute sind viele Damen anwesend", schaut Melanie Kastner in die Runde. Die Mitarbeiterin der Schlösser und Gärten meistert mit Anmut ihre Rolle als strahlende Hofdame. "Ich gehe davon aus, dass sie den Casanova kennenlernen möchten. Die Ehemänner sollten auf ihre Damen etwas genauer aufpassen."

Komplimente statt Anmache

Während sich die Teilnehmer in das zweite Vorzimmer Carl Theodors begeben, schwebt ein feines Lächeln auf ihren Lippen. Erinnern sie sich vielleicht an die Zeit, in der wildfremde Männer einer Frau noch sagen durften, wie gut ihr das Kleid, die Frisur stehe, wie sexy der Schmuck sei, ohne gleich als Anmache oder sexuelle Belästigung angezeigt zu werden? Auf jeden Fall fühlten sich die Frauen, mit denen es Casanova zu tun hatte, geschmeichelt. Wer war eigentlich Casanova, dieser Unruhestifter, der von Frauen bewundert und von Männern beneidet wurde? Was führte ihn vor genau 250 Jahren hierher, nachdem er Gast war an den berühmtesten Königshäusern der Welt? Während der eineinhalbstündigen Führung entstand ein faszinierendes Bild dieses "Alchimisten, Erfinders und Schriftstellers, Glücksspielers und Mathematikers, Übersetzers und Begründer der Lotterie, Philosophen und Seelentrösters". Amöna lässt in Zitaten Zeitgenossen über ihn berichten, zählt die Stationen seines Lebens auf, beginnend mit der Geburt 1725 in Venedig als Kind eines Schauspielerehepaars und endend mit frustrierenden Jahren im böhmischen Dux als Bibliothekar des Grafen Waldstein.

Die Zuhörer erleben die Gefangenschaft in Venedig unter den Bleidächern des Dogenpalastes und die spektakuläre Flucht, Casanovas Treffen mit Papst Benedikt IV., der ihm erlaubt habe, verbotene Bücher zu lesen - die Schriften des Marquis de Sades, der für die Befreiung des Menschen durch gewalttätige Befriedigung der sexuellen Lust plädierte -, sowie die Zeit am Hofe in Schwetzingen um 1767, die auf anregende Art lebendig wurde.

"Zu Ehren des Gastes findet heute Abend ein Dinner statt, zu dem auch ich geladen bin", freute sich die Hofdame auf die Feinschmeckereien - denn neben den Frauen galt Casanovas Leidenschaft auch den Tafelfreuden. Er kannte die erotisierende Kraft der Speisen, zu denen er Austern, Wildbret, Eier, Petersilie, Sellerie, Sauerkraut und "scharfmachende" Gewürze wie Pfeffer zählte. Zum Herzenbrechen blieb ihm wohl zu wenig Zeit, denn schon bald reiste er aus dem "köstlichen Schwetzingen", wie er es in den Memoiren nennt, ab.

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