Schwetzingen

Feiertage Für Mitbürger mit russischen Wurzeln wird’s jetzt weihnachtlich / Orhodoxe Gläubige feiern die Menschwerdung Gottes am 6. und 7. Januar

Geschenke von Väterchen Frost und Schneeflöckchen

Archivartikel

Es ist Januar. Bis auf das Fest der Heiligen Drei Könige ist rund um das Triptychon aus Heiligem Abend, den beiden Weihnachtstagen und Silvester die große Feiertagssause vorbei. Wobei: Für einige geht’s jetzt mit Weihnachten erst richtig los. Denn im Osten, im größten Land der Erde, gehen die Uhren anders. Genauer: der Kalender. Während der Westen mit dem gregorianischen Kalender seine Feste terminiert, machen das die orthodoxen Gläubigen in Russland mit dem julianischen Kalender, der zum gregorianischen eine Differenz von derzeit 13 Tagen aufweist. Heißt, wenn es bei uns ruhiger wird, wird in Russland gefeiert. Weihnachten beginnt hier am 7. Januar.

Und auch wenn die Schwetzingerinnen Elena Spitzner sowie Tatjana Worm-Sawosskaja schon Jahrzehnte in Deutschland leben und das Weihnachtsfest gerne im Dezember feiern, kreisen ihre Herzen auch um die russische Weihnacht mit Väterchen Frost, seiner Enkelin Snegurotschka, den herrlichen Eisbahnen zur Nacht in Moskau und der Musik von Tschaikowski. Vieles, so Spitzner, sei ganz anders. Aber im Zentrum stehe hier wie dort das Gleiche: die Familie, die Liebe und das Glück in den Kinderaugen.

Wenn sich in Deutschland die Familien am Heiligabend um den Weihnachtsbaum versammeln, geschieht in Russland nichts. Für sie sind die drei Tage im Dezember normale Arbeitstage. Der erste wichtige Augenblick ist für die Russen die Neujahrsnacht. Es ist der Moment für den Auftritt von Väterchen Frost und seiner Enkelin Snegurotschka, was Schneeflöckchen bedeutet. Die beiden kommen in unserer gregorianischen Silvesternacht mit Geschenken für die Kinder. In manchen Regionen kommt er auch erst am Neujahrsmorgen und manchmal auch erst am 6. Januar.

Eislaufen in Moskau

Die Figur des Väterchens Frost ist Jahrhunderte alt und tauchte erstmals in der slawischen Mythologie als Verkörperung des Winters auf. Sein Aussehen ähnelt dabei unserm Weihnachtsmann. So wie der Weihnachtsmann oder auch das Christkind am Heiligen Abend für leuchtende Kinderaugen sorgt, macht das Väterchen Frost in Russland. Und natürlich wird groß gegessen. Für Spitzner, die seit 26 Jahren in Deutschland lebt, ist diese Nacht ein Ereignis, an das sie nicht nur gerne zurückdenkt, sondern die sie gerne immer wieder lebt. Ein Muss ist in ihren Augen der Besuch einer Eisbahn in Moskau. Es soll jede Saison über das ganze Gebiet der russischen Hauptstadt verteilt 1500 Eisflächen geben. „Und die schönste findet sich im Gorki-Park.“ Wenn man dick angezogen sei, und das empfehle sich, weil Väterchen Frost nicht nur zum Spaß so heiße, „ist es für mich das reine Glück“, so Spitzner (Bild), die auf dieses Glück wegen Corona diesmal verzichten muss. Die Einreise von Ausländern nach Russland ist stark eingeschränkt. Ihrer Familie und ihren Freunden dort gehe es aber soweit gut, ist Spitzner trotz aller Widrigkeiten froh.

Der nächste Höhepunkt der russischen Weihnacht ist der Abend des 6. Januar und der 7. Januar. Sie sind mit unserm Heiligabend und dem ersten Weihnachtstag vergleichbar. Wobei der religiöse Aspekt im Vergleich zu Deutschland deutlich stärker im Vordergrund steht. Im Sinne der orthodoxen Gläubigen wird auch nicht die Geburt Christi, sondern das Fest der Erscheinung des Herrn gefeiert. Die Botschaft ist, Gott ist an diesem Tag Mensch geworden.

Die normalerweise viele Stunden dauernden Gottesdienste mit Liedern und schier endlosen Lichterprozessionen sind legendär. Vielleicht, so Worm-Sawosskaja, eine Art Überkompensation. Im Jahr 1929, so die geschichtsbewusste Pianistin, habe die Sowjetunion, die sich dem Kampf gegen die Religion verschrieben hat, das Feiern von Weihnachten verboten. Sie kannte zu ihrer Zeit in der alten Heimat daher nur das Tannenbaumfest, bei dem Väterchen Frost und seine Enkelin, das Schneeflöckchen, mit Geschenken für die Kinder kamen: „Das war für uns Kinder natürlich etwas Besonderes“, erinnert sie sich. Jedoch war es kulturell, philosophisch und religiös überhaupt nicht eingebettet wie das eigentliche Weihnachten und damit auch irgendwie inhaltsleer. Erst 1991 hat der russische Staat das Verbot wieder aufgehoben und den 7. Januar als Weihnachtstag zum offiziellen Feiertag erklärt. Die Tradition von Väterchen Frost wurde beibehalten.

Das mit der Überkompensation meinte Worm-Sawosskaja übrigens nicht kritisch: „Die Gottesdienste heutzutage sind ein einmaliges Erlebnis, dem ich immer beizuwohnen versuche.“ Darüber hinaus veranstaltete sie in der Vergangenheit eine kleine Konzertreihe, wo sie den Zuhörern per Musik, aber auch mit Bildern und Erzählungen versuchte, die russische Weihnacht nahezubringen.

Verbundenheit über die Musik

Beide Frauen eint eine tiefe Verbundenheit zur russischen Weihnacht. Was bei den Pianistinnen nicht zuletzt an der russischen Musik rund um Komponisten wie Pjotr Tschaikowski, Sergei Rachmaninow und Alexander Borodin liegen dürfte. Es stimmt schon, die Musik erlaube einen tiefen Einblick in die russische Seele und damit auch in die russische Weihnacht. Und die beiden Musikerinnen tun nicht wenig dafür, dass diese Einblicke auch in der kurfürstlichen Residenz Anschluss finden.

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