Schwetzingen

Im Interview Geschäftsführer Peter Mülbaier erklärt, wie die Strategie des Zweckverbandes Fibernet.rn fürs schnelle Internet funktioniert

Glasfaser als Standort-Kriterium

Kreis. Eine schnelle Internetanbindung ist eines der wichtigsten Kriterien bei Standortentscheidungen moderner Unternehmen, aber zunehmend auch bei der Frage, wo eine junge Familie ihre Immobilie kauft. Breitbandanschlüsse im Haus werden bald schon so wichtig sein, wie energetisch sinnvolle Versorgung und eine nahe und gute Infrastruktur beim ÖPNV und auf der Straße. Um den Ausbau mit Glasfaser im Rhein-Neckar-Kreis voranzutreiben, haben sich alle Kreiskommunen Ende 2014 im Zweckverband High-Speed-Netz Rhein-Neckar (Fibernet.rn) zusammengeschlossen. Die Fäden laufen in der Sinsheimer Zentrale der AVR Umwelt-Service zusammen. Wir haben mit Geschäftsführer Peter Mülbaier über den Stand des Projektes gesprochen.

Kürzlich war bei der Gemeinderatssitzung in Oftersheim zu hören, dass der Ausbau im Verzug ist. Wie steht es tatsächlich?

Peter Mülbaier: Wir informieren die Bürgermeister regelmäßig bei Sprengelsitzungen über den Stand der Projekte. Oftersheim soll im vierten Quartal 2017 seine Feinplanung für die Gemeinde bekommen. Wir liegen dort im Zeitplan, den wir im April allen Verwaltungen zur Verfügung gestellt haben. Allenfalls liegen wir um eine Woche hinter den Vorgaben. Es macht absolut keinen Sinn, wenn wir überall die Straßen aufreißen, um Glasfaserkabel zu verlegen, bevor wir genau wissen, welche Häuser innerhalb der Kommunen welche Anschlüsse haben wollen.

Aber in manchen Bereichen werben Sie doch bereits um Endkunden?

Mülbaier: Das passiert dann, wenn unsere Hauptleitungen, der sogenannte Backbone, direkt an der Bebauung vorbeiführen. Da fragen wir natürlich gleich danach, wer sich anschließen will, damit wir nicht zweimal die Straße aufreißen müssen. Jede Gemeinde bekommt zwei Übergabepunkte zum Backbone, von denen der innerörtliche Ausbau erfolgen kann. Bis Ende 2017 wird schon ein Großteil des Backbones fertig sein, Mitte 2018 sind wir dann im kompletten Rhein-Neckar-Kreis durch.

Man kann sich des Gefühls nicht erwehren, dass auch die Telekom und Unity Media plötzlich in den Netzausbau in Gemeinden investieren, die sie bisher links liegen gelassen haben?

Mülbaier: Alleine schon deshalb war es richtig, 2014 Fibernet.rn zu gründen. Das hat Bewegung in den Markt gebracht. Aus unserer Sicht können wir uns jetzt zuerst auf die Gewerbegebiete und Gemeinden konzentrieren, die total unterversorgt sind. Ein Beispiel dafür war etwa Heiligkreuzsteinach. Wir haben die weißen Flecken der Internetversorgung inzwischen weitgehend beseitigt. Übrigens mit Hilfe der Förderung, die wir vom Land bekommen haben. Wir hatten die Pläne bereit, als sich die Förderrichtlinie verändert hat und konnten sofort Millionenzuschüsse beantragen, die sich die Gemeinden als Trägerinnen unseres Zweckverbandes damit sparen konnten.

Und das Verbreitungsgebiet unserer Zeitung zwischen Schwetzingen und Hockenheim?

Mülbaier: Wir sind auch hier dran und bereiten alles darauf vor, dass sich EU-weit auch hier neue Förderrichtlinien ergeben. Das steht zumindest in Aussicht. Aber hier findet derzeit fast in allen Gemeinden der Ausbau der Kupferleitungen mit der Vectoring-Technik durch die Telekom statt. Das verschafft erst mal Luft, denn auch da können die Menschen, die sich anschließen lassen, dann je nach Lage bis zu 100 Mbit/s Leistung bekommen. Und in manchen Bereichen ist Unity Media unterwegs und bietet Breitbandanschlüsse an. Da müssen wir nicht auch noch gleichzeitig vor Ort sein und Konkurrenz machen. Denn die Förderung ist mit der Forderung verbunden, dass wir uns um Gebiete kümmern, die eben nicht von privaten Anbietern gepusht werden.

Ist die Vectoring-Technik bei der Telekom und Euer Breitbandausbau eigentlich etwas Vergleichbares bei der Qualität?

Mülbaier: In den nächsten fünf Jahren wird die Vectoring-Technik bei den Hausanschlüssen noch genügen. Aber die Digitalisierung des gesamten Haushaltes oder des Straßenverkehrs sowie der neue Mobilfunkstandard 5G ist nur über Glasfaser möglich, deshalb haben wir in gut versorgten Gebieten zwar noch etwas Zeit, wollen aber die flächendeckende Versorgung im Kreis gewährleisten. Insgesamt sprechen wir über ein Projekt, das auf 30 Jahre ausgelegt ist.

Wo liegt der Vorteil Eures Netzes?

Mülbaier: Wir bieten ein Open-Access-Netz an, halten es also auch künftig für alle Anbieter offen. Das ist ein ganz wesentlicher Bestandteil, den die EU-weite Ausschreibung gefordert hat und wir wollen so dem Kunden die Möglichkeit bieten, seinen Internet-Anbieter selbst zu wählen. Was allerdings noch aussteht, ist die Frage der Regulierung der Netzentgelte für die Durchleitung, wie es heute ja schon beim Strom der Fall ist. So eine Regulierung halte ich für geboten, damit Chancengleichheit am Markt herrscht. Nur so ist Wettbewerb bis zum Endkunden möglich. Wo die Telekom ihr eigenes Netz verlegt, da wird auch nur die Telekom über diese Leitungen ihre Angebote machen. Bei uns wird der Betrieb des Netzes von der NetCom BW übernommen, die auch schon in anderen Bereichen im Land tätig ist und das sehr gut macht.

Warum hat man das Gefühl, dass Fibernet.rn etwas langsam in die Gänge gekommen ist?

Mülbaier: Es war vielleicht etwas vollmundig, zu sagen, man wolle alle Gemeinden bis 2017 angeschlossen haben. Als wir im Dezember 2014 hier im Hause gestartet sind, gab es zwei Mitarbeiter und mich als Geschäftsführer, inzwischen sind wir zu zehnt und es war nicht einfach, Fachleute dafür zu finden. Wir haben dann geplant und geschaut, wo wir keine eigenen Leitungen graben müssen, sondern mittransportiert werden könnten. So zum Beispiel entlang von Bahn- und Straßenbahnlinien, wo es Leerrohre gibt oder an der überregionalen Gasleitung entlang, die den Raum in Nord-Süd-Richtung durchquert. 2016 kam dann die EU-weite Ausschreibung - und das neue Fördersystem im Land Baden-Württemberg, das zwar etwas Wartezeit gekostet, aber eine Millionenförderung eingebracht hat. Und immer mal wieder wirft uns die Tatsache zurück, dass sich auf unsere Ausschreibungen für den Tiefbau, der sich gar nicht mehr vor Aufträgen retten kann, gar keine Anbieter melden oder diese 30 oder 40 Prozent über den veranschlagten Kosten liegen. Man muss bedenken, dass wir hier ein Projekt stemmen, das ein Volumen von etwa 300 Millionen Euro hat. Da gilt es, genau hinzuschauen, keine unnötigen Sachen zu machen und da anzufangen, wo es besonders dringend ist. Wir können nicht in wenigen Monaten das wettmachen, was in diesem Bereich in den letzten 20 Jahren bundesweit verschlafen wurde.

Wie sieht die Zukunft aus?

Mülbaier: In wenigen Jahren werden 100 MBit/s nicht mehr ausreichen, um ein Haus zu versorgen. Der Glasfaseranschluss wird zum wichtigen Kriterium für den Immobilienkauf und für die Ansiedlung eines Betriebs an einem Gewerbestandort. Und da sind wir gut dabei, denn momentan haben wir bereits 80 Prozent der Gewerbegebiete im Kreis in der Feinplanung - darauf können wir stolz sein.

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