Schwetzingen

Theater am Puls Sängerin und Schauspielerin Jana Kühnle stellt mit „Kopfgespenster“ ihr erstes eigenes Stück vor / Poetische Lieder mit Zwischenspielen

„Ich muss mich einfach ausdrücken“

Jana Kühnle ist sieben Jahre alt, als sie sich unsterblich in die Bühne verliebt. Man schreibt das Jahr 1998 im badischen Neunkirchen, als die Grundschülerin in ihrer ersten Aufführung von „Robinson Crusoe“ den Freitag gibt – und voll und ganz hineinfällt in die Faszination des freien ungezügelten Spiels. „Im Alltag musst du dich immer kontrollieren“, bringt es die heute 27-Jährige auf den Punkt, „aber auf der Bühne, da darfst du ausrasten. Und genau das hat mich so begeistert.“ Als Autorin und Hauptdarstellerin ihres ersten Stücks „Kopfgespenster“ wird man die junge Frau ab der Premiere am Samstag, 16. Februar, im Theater am Puls häufiger zu Gesicht bekommen – dabei sah es für Jana Kühnle lange Zeit gar nicht nach einer Karriere auf dem dramatischen Parkett aus.

Es ist vielmehr das Singen, das die junge Persönlichkeit mit ersten kulturellen Großtaten vertraut macht. Als Tochter einer Musiklehrerin hört Jana Kühnle Sonaten von Schumann und Brahms, besucht Orchesterkonzerte und wächst mit Musik auf – um darin immer stärker auch die eigene Sprache zu finden. Mit 13 schreibt sie ein erstes Mal ihre Gedanken nieder. Trotz der Pubertät sind Kühnles Texte keineswegs dunkel oder gar depressiv: „Ich mochte einfach den Klang der Worte und habe sie zu einer Analyse meines Denkens benutzt.“ Es sind Sätze wie dieser, mit denen Kühnle klarmacht, dass sie sich in keine Schublade pressen lässt. Auf ihrer Musikanlage mischen sich Punk und Pop, bilden die wilden Parolen von „NOFX“ mit den gereimten Wortspielereien von „Wir sind Helden“ einen ganz eigenen Assoziationsraum. Im Leben da draußen mischen sich für Jana Kühnle Phasen großer Stille und Zurückgezogenheit mit schrankenlosem Expressionsdrang. „Ich muss mich einfach ausdrücken“, sagt es Kühnle in diesem Gespräch immer wieder und meint das auch als Befreiung. Als Befreiung von der eigenen Introvertiertheit. Als Befreiung von dieser vieldeutigen Welt. Und vielleicht am entscheidensten: Als Befreiung von dieser lähmenden Unsicherheit anderen Menschen gegenüber. Eine existenzielle Herausforderung, der sich Kühnle gleich mehrfach stellt, bis die Hände bluten.

Als Straßenmusikerin schlägt sie sich im sächsischen Leipzig durch die Fußgängerzonen, singt und kämpft und spielt Gitarre, bis die Kälte ihre Finger zu einem Ende zwingt. Ihre erste geschriebene Nummer über einen jungen Mann, der an der Bushaltestelle steht, singt sie so lange mit Humor, bis sie auf ihr eigenes Schicksal nicht mehr warten will – und der Rhein-Neckar-Raum dieses Talent wieder für sich gewinnt.

Kampf an vier Fronten

Was nicht heißt, dass ernsthaft Ruhe in das Leben der Jana Kühnle eingekehrt wäre. Nach ihrem Umzug in die Region nimmt die junge Frau nicht nur ihr Studium in Angriff, sondern kämpft an vier Fronten gleichzeitig. Auf und vor der Bühne gibt sie sich als Schauspielerin und Regie-Assistentin die Ehre – doch auch im Museumsshop der Mannheimer Kunsthalle und als Übungsleiterin in einem Fitnessstudio geht die junge Frau ans Limit, und verliert ihr großes Ziel dennoch nicht aus den Augen: ihr eigenes Theaterstück zu schreiben. „Manchmal fühlt es sich fast surreal an“, so Kühnle, „vor kurzer Zeit habe ich noch gedacht, dass dieser Wunsch in so unendlich weiter Ferne ist, und jetzt liegt alles vor mir.“

Alles, das bedeutet für Kühnle einen Traum zu leben, den sie sich selbst so sehnlich wünschte, dass sie ihn nun erzählt. Denn „Kopfgespenster“ ist keiner dieser moralischen Liederabende, die mit mahnendem Zeigefinger zur richten Lösung weisen – es sind Lieder von tiefgründigem Leid und wundervoller Poesie gleichermaßen, die sich zu einem Reigen des Lebens verbinden. Die Hauptfigur Elba, das macht Kühnle schonungslos klar, habe in ihrem Zweifel, ihrem Kampf, aber auch ihrer mutigen Entschlossenheit viel Autobiografisches an sich, doch nichts, das sie noch länger hätte verbergen wollen.

„Fast symbiotisches Verständnis“

Dass Joerg Mohr ihr, der Regie-Assistentin, in stundenlanger Detailarbeit zu einem Text von Sinn und Kontur verholfen habe, der von Bestand ist und gezeigt werden darf, sieht die 27-Jährige als „unglaubliches Geschenk“, das in einem „fast symbiotischen Verständnis“ zwischen Musik, Regie und Eigenem entstanden sei. „Für mich fühlt es sich so an, als hätte ich einen Steinblock mitgebracht, an dem so viele auf ihre Weise gearbeitet haben, um ihn zur Skulptur zu machen – und ich den Eindruck habe, als sei dieser Steinblock exakt dafür da gewesen. Das ist so ein enormes Glücksgefühl. Denn noch bis vor kurzer Zeit waren diese ganzen Ideen nur in mir, doch jetzt kann man sie hören – und ich hoffe, dass ich die Menschen damit bewegen, ihnen ein bisschen Leichtigkeit in ihr Sein geben kann. Denn das Leben ist eine schwierige Angelegenheit, doch mit der richtigen Einstellung kann es so unendlich viel Spaß machen.“ mer

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