Schwetzingen

Schlossgarten Besucherlimit bei Classic-Gala wird ausgereizt / Unter bekannte Aussteller mischen sich viele neue Gesichter

Im Wunderland der Karossen

Archivartikel

Was für ein Wochenende! Endlich wieder etwas erleben, interessante Menschen mit spannenden Fahrzeugen treffen: Der Mut der Veranstalter von Classic-Gala und Eco-Mobil-Gala, den Staatlichen Schlössern und Gärten sowie der Stadt wurde absolut belohnt. Wenn auch kurze Regenschauer am Samstag für Schrecksekunden bei so manchem Oldtimerliebhaber sorgten, so war die Zeitreise durch die Mobilitätsgeschichte bis hinein in deren Zukunft ein schönes Vergnügen im Schwetzinger Schlossgarten (wir berichteten auch im „Digitalen Sonntag“).

Die Karten für die Besuchszeitfenster am Samstag waren ausverkauft, für den Sonntagnachmittag gab es Restkarten an der Schlosskasse, für die Menschen zeitweise Schlange standen. Heißt: 6000 Besucher pro Tag – sehr zur Freunde eines glücklichen Johannes Hübner, der mit seinem Mitstreitern Hans Hedtke sowie Wolfgang Gauf von der Eco-Mobil-Gala am Sonntagabend ein zufriedenes Fazit ziehen konnte.

Nicht zuletzt war das dem Team vom Schloss um Verwalterin Sandra Moritz zu verdanken. Es hatte für Hygienemaßnahmen und klare Wegstrukturen gesorgt. Schon am Hauptportal wurde zwischen Karteninhabern und Erwerbern getrennt, um für einen flotten Zugang zur Ausstellung zu sorgen. Auf dem Parkareal empfing Swing die Besucher. In verschiedenen Epochen gekleidete Damen und Herren schmückten zusätzlich die Raritäten auf zwei, drei und vier Rädern. Die Gäste flanierten mit Abstand und an Fahrzeugen nahm man aufeinander Rücksicht. Die Autos wurden so arrangiert, dass das „Rechtslaufgebot“ fast nicht zu negieren war. Zwischen dem ersten und zweiten Zeitfenster wurde das Hauptportal geschlossen, so dass die Vormittagsbesucher nun eine Stunde Zeit hatten, den Park für die Nachmittagsgäste zu verlassen. Ordner überwachten dies, alles klappte gut.

Neues in historischem Gewand

Hier und da ließ sich ein kleiner „Stau“ nicht vermeiden, zu spannend waren die ausgestellten Vehikel und zu viele Geschichten wussten deren Besitzer zu erzählen. Zum Beispiel Egon Hofer aus Salzburg. Der Österreicher hatte seinen Ferrari 212 E/206 S direkt hinter dem Hauptportal rechts geparkt. Es ist das Siegerauto der Europabergmeisterschaft von 1969. Der Schweizer Dr. Peter Shetty fuhr damals das Fahrzeug, bevor es Hofer Ende 1969 erwarb. Er ließ den Dino mit der Originalkarosse des Ferrari 212 E Montagna einkleiden. Ein Hingucker ist das 520 Kilo schwere und 280 PS starke Gefährt auch wegen seiner Patina und drei Unterschriften auf der Motorklappe: Neben Rennfahrer Shetty haben sich dort dessen italienischer Kollege Arturo Merzario und Mauro Forghieri, Chefkonstrukteur der Scuderia von 1960 bis 1987, verewigt. „Ich habe das Fahrzeug 48 Jahre lang nicht gesehen“, erzählt Hofer von einer fatalen „Verborgungsaktion“. Jetzt ist er froh, es wieder in seiner Garage stehen zu haben. Der Salzburger war schon ein paar Mal zu Gast in Schwetzingen – es ist der einzige Concours, den der Classic-Rennfahrer besucht. Er schwärmt von der Atmosphäre, lobt Organisator Hübner. Den Ferrari präsentiert er zum ersten Mal in der Kurpfalz.

Während sich auf der Hauptachse die Anfänge der automobilen Geschichte bestaunen lassen, ist am Rande eine „Wölfin im Schafspelz“ auszumachen: Ulrike Gärtner aus Baden-Baden – stilvoll mit Hut – zeigt eine vermeintlich viktorianische Kutsche. Diese ist jedoch alles andere als historisch. Ihre Aaglander-Motorkutsche hat gerade mal elf Jahre auf dem Kutschbock. Sie ist keinem historischen Vorgängermodell nachempfunden, sondern ein neues Fahrzeug mit einem drehmomentstarken Dieselmotor (drei Zylinder, 20 PS), der per Knopfdruck gestartet wird. Die Steuerung erinnert an einen Fahrradlenker mit zwei Leinenstangen – starre Zügel sozusagen. Und dahinter steckt auch die Idee: Gäste, die einen Führerschein haben, können das Erlebnis Kutsche fahren und selbst die Zügel in die Hand nehmen so nachempfinden – entschleunigter Fahrgenuss mit 20 Stundenkilometern.

Für einen solchen Kurztrip ist natürlich kein großes Gepäck vonnöten. Das war bei Reisen mit Kutschen und Autos anno dazumal ohne Kofferraum anders. Hier wurden Truhen, später Koffer etwa auf das Dach beziehungsweise auf Heckgepäckträger geschnallt. Eine besonders imposante Truhe haben Johanna Stapp und Roland Hölscher mitgebracht. Die beiden betreiben das Second-Hand- und Vintage-Portal „whoislouis.com“ und sind das erste Mal bei der Classic-Gala dabei. Neben Louis-Vuitton-Taschen – darunter seltene Sondereditionen – haben sie zum Beispiel eine riesige Truhe mitgebracht. Diese sei 120 bis 130 Jahre alt und stamme wohl aus Spanien, erzählte Roland Hölscher. Die äußerlich mit prägniertem Canvasstoff überzogene Truhe trägt noch ein paar Aufkleber, wie sie in Hotels oder auf Kreuzfahrtschiffen zwecks Zuordnung angeheftet worden sind. Die Initialen „M C“ sind zu sehen und im Inneren ein Zertifikat mit der Produktionsnummer 8426. Um die 15 000 Euro sei diese wert, heute koste eine Neue das Doppelte, so der Kenner.

Die Ladefläche des VW-Kübelwagens, der schräg gegenüber steht, würde die Truhe nicht komplett ausfüllen, doch viel würde in das rote Fahrzeug mit der Aufschrift „Reichspost“ auch nicht mehr reinpassen. Björn Schewe erzählt, dass nach Kriegsende 1945 aus Restteilen der Kübelwagenproduktion etwa 200 dieser Transportwagen gefertigt wurden. Dieses und andere Wagen, die vor 1957 erbaut wurden, sind im Museum in Hessisch Oldendorf zu sehen.

Nachwuchs für die Jury

Dass „Oldtimer viel schöner als die jetzigen Autos sind“, findet Kolja Wirth. Deshalb begleitet der Elfjährige seinen Papa Thomas und Ronald Ihrig als Juniorjuror und lernt, wie die gestandenen Jurymitglieder der Classic-Gala Automodelle einschätzen. Sie bewerten die Fahrzeuge der Baujahre 1939 bis 1945. Gerade nehmen sie einen Maybach, Baujahr 1938, unter die Lupe. Später wird ein Maybach SW 38 (Baujahr 1938) zum „Star of Classic-Gala Schwetzingen“ gekürt. Den „Classic-Gala-Grand-Prix“ nimmt ein Ferrari 273 GTB (Baujahr 1964) in Empfang, Gala-Sieger „Best of Show“ wird ein Jaguar SS1 (Baujahr 1935). Den Landespreis Baden-Württemberg nimmt ein Mercedes Indianapolis (Baujahr 1923) mit. Den Organisatoren liegt der Jurynachwuchs am Herzen, sagt der Mannheimer Thomas Wirth, der seit Jahren in Schwetzingen mit von der Partie ist. Dabei betont er, dass Oldtimer heutzutage kein Hobby nur für reiche Menschen sind. Der durchschnittliche Preis für einen Oldtimer in Deutschland läge bei 17 000 Euro. In der Masse also erschwinglich und für die Erhaltung des automobilen Kulturguts wichtig. Dazu können Oldtimer nach wie vor eine Wertanlage sein. Das und mehr erfährt man bei Gesprächen etwa bei einer Tasse Kaffee oder sonntäglichem Weißwurstfrühstück am gemütlich eingerichteten Stand des Oldtimerstammtischs Brühl mit ihren schönen Mercedes-Modellen, die ihren 65. Geburtstag feiern, oder bei den Oldtimerfreunden Heidelberg.

Vor allem jedoch sind sie Liebhaberstücke – so wie Trabant „Theo“ von Conny Bauer aus dem thüringischem Suhl. Es ist der erste Typ Trabant (Trabant P 50 oder 500) vom Sachsenring Zwickau, gebaut zwischen 1958 und 1962. In Weiß-Orange mit Anhänger (ein halber Trabi) fällt er genauso auf wie die schicke Fahrerin im schwarz-orange-farbenen Petticoat-Kleid. Das passt ganz gut in den Bereich, über den Elvis-Presley-Musik klingt und gegenüber die imposanten amerikanischen Straßenkreuzer aufgereiht sind.

Auch dort sind nicht so viele Modelle wie in den Vorjahren, auch sonst sind viele Lücken Corona-bedingt auszumachen. Lücken in ihrer Kasse befürchten zudem einige Standbetreiber im kulinarischen Bereich und bei Accessoires. Zwar sind die meisten froh, dass es überhaupt eine Veranstaltung gibt, doch seien die Gebühren in diesem Jahr doppelt so hoch und die Einnahmen ließen aufgrund der Zuschauerbegrenzung zu wünschen übrig.

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