Schwetzingen

Astronomie Erstmals seit 23 Jahren ist mit dem Kometen Neowise wieder ein Schweifstern mit bloßem Auge zu erkennen

Jeden klaren Abend nutzen

Archivartikel

„Stell dir vor, es steht ein Komet am Himmel, und keiner schaut hin.“ So könnte die Abwandlung eines bekannten Spruches zurzeit lauten. Erstmals seit 23 Jahren ist wieder ein Schweifstern mit bloßen Augen zu sehen, doch in der allgemeinen Öffentlichkeit ist diese Nachricht noch nicht bekannt. Deshalb sind es bisher vor allem Berufs- und Hobbyastronomen, die dieses Himmelsschauspiel genießen. Dabei ist es recht einfach, den Kometen zu erblicken – man muss nur wissen, wann und wo man hinschauen muss. Belohnt wird man durch einen Anblick, der einem nicht oft im Leben vergönnt ist.

Das letzte Mal, dass ein mit bloßen Augen sichtbarer Komet am Himmel stand, war 1997. Damals prangte Komet Hale-Bopp mehrere Monate lang am Himmel, und seine Erscheinung löste ein großes Echo in der Öffentlichkeit aus. Hale-Bopp war der hellste Komet seit mehreren Jahrzehnten und wohl der aufsehenerregendste Schweifstern des 20. Jahrhunderts.

Nun tritt ein weiterer Komet in seine Fußstapfen, der in der Fachsprache als C/2020 F3 (Neowise) bekannt ist. Entdeckt wurde er am 27. März 2020 von dem Weltraumteleskop Neowise der Nasa. Kometen sind kilometergroße Brocken aus Staub, Geröll und gefrorenen Gasen, die einst in den kalten äußeren Regionen unseres Sonnensystems entstanden sind. Werden sie durch Störungen von anderen Himmelskörpern von ihrer Bahn abgelenkt, können sie bis in das innere Sonnensystem vordringen. In der Nähe der Sonne heizt sich ihre Oberfläche auf, wodurch ein Teil der gefrorenen Gase freigesetzt wird. Da diese entweichenden Gase auch Staub mit sich reißen, entstehen die typischen Schweife eines Kometen, die stets von der Sonne weg weisen.

Nächstes Mal erst im Jahr 8800

Komet Neowise bewegt sich auf einer sehr langgestreckten elliptischen Bahn um die Sonne mit einer Umlaufzeit von mehreren tausend Jahren. Das letzte Mal, dass er in Sonnennähe war, muss um das Jahr 2500 v. Chr. gewesen sein. Also um die Zeit, als in Ägypten die ersten Pyramiden entstanden und Europa durch die Schnurkeramik- und Glockenbecherkultur geprägt war. Mit dem nächsten Auftauchen dieses Kometen dürfte erst um das Jahr 8800 zu rechnen sein. Wer also den Kometen Neowise während seiner jetzigen Sichtbarkeitsperiode verpasst, wird nie wieder die Chance dafür erhalten.

Am 3. Juli erreichte der Komet den sonnennächsten Punkt seiner Umlaufbahn. Gegenwärtig bewegt er sich also wieder von der Sonne weg, ist ihr aber immer noch näher als der Planet Venus. Demzufolge steht er von der Erde aus gesehen nicht weit von der Sonne entfernt am Himmel. Wir sehen ihn um Mitternacht herum ziemlich genau im Norden. In unseren Breiten sinkt er nicht unter den Horizont, wir können ihn also sowohl am Abend- als auch am Morgenhimmel sehen. Allerdings steht er zurzeit noch sehr tief über dem nördlichen Horizont. Um ihn gut zu beobachten, ist also freie Sicht nach Norden erforderlich. Häuser oder bereits Sträucher und Bäume können die Sicht auf ihn verdecken.

Wer den Kometen beobachten möchte, nimmt am besten ein Fernglas zu Hilfe und sucht nach dem Dunkelwerden den nördlichen Horizont ab. Der Kopf des Kometen erscheint als unscharfer Stern, von dem ein diffuser Schweif nach oben ausgeht. Auf Fotografien ist zu erkennen, dass der Schweif aus zwei Teilen besteht, einem Gasschweif und einem Staubschweif, die sich über mehr als zehn Grad über den Himmel erstrecken. Im Fernglas ist nur der Staubschweif zu sehen, der sich nach vielleicht zwei Grad (was dem Vierfachen des Vollmonddurchmessers am Himmel entspricht) in der Nachthimmelshelligkeit verliert. Hat man den Kometen mit dem Fernglas erspäht, ist er meist auch leicht mit den bloßen Augen zu erkennen.

Am Großen Wagen orientieren

In den nächsten Tagen wird der Komet am Himmel höher wandern. Wer die auffällige Sterngruppe des Großen Wagens kennt, hat eine leichte Orientierungshilfe: Der Komet befindet sich in dem Himmelsareal zwischen dem Nordpunkt am Horizont (der Kompass im Handy hilft, die Nordrichtung zu bestimmen) und dem Großen Wagen. Wie sich die Helligkeit des Kometen entwickeln wird, ist bei dieser Art Himmelsobjekt schwer vorherzusagen. Es ist also empfehlenswert, jeden klaren Abend für die Beobachtung zu nutzen. Spätestens Ende Juli wird sich der Komet der Beobachtung mit bloßen Augen und dem Fernglas entziehen und dann nur noch im Fernrohr sichtbar sein.

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