Schwetzingen

Wollfabrik Wladimir Kaminer sorgt mit brillantem Auftritt vor rund 140 Zuhörern für magischen Abend / Lesung aus seinem noch unveröffentlichten Buch ist eine Schatztruhe voller Geschichten

„Jesus am Kreuz kann nicht in die Armbeuge niesen“

Covid-19 macht den Kulturschaffenden das Leben schwer. Auftritte sind, wenn überhaupt möglich, stark eingeschränkt und dann ist das Virus auch thematisch eher schwer zu fassen. Schnell gerät man dabei in die Tonart Moll, und Lachen über das Virus wirkt nach wie vor eher deplatziert. Einen geradezu genialen Weg fand dagegen Wladimir Kaminer in der Wollfabrik.

Die Lesung aus seinem noch unveröffentlichten Buch rund um den Aufschlag des Coronavirus in der Kulturlandschaft dürfte bei den rund 140 Zuhörern als eine Sternstunde in Erinnerung bleiben.

Und das völlig zurecht. Sein Rezept, nicht lachen über das Virus, aber lachen trotz – oder besser noch – mit dem Virus. Kaminer war brillant. Und das hatte auch mit dem Format zu tun. Klar hätte man diese Lesung auch ins Netz stellen und zu Hause im Wohnzimmer anschauen können. Doch es wäre nur das halbe Vergnügen gewesen. Vielleicht nicht einmal das. Von der Magie des Abends wäre im Netz wohl kaum etwas übrig geblieben. Gelingende Kultur, das wurde hier in der Wollfabrik einmal mehr überdeutlich, hat viel mit Gemeinschaft zu tun.

Seit Monaten tourt der Mann für das Fernsehen durch Deutschland, Österreich und die Schweiz und besuchte verwaiste Orte der Kultur. Eine Idee, die ihm zu Beginn nicht so gefiel. Könnte langweilig werden, so seine Befürchtung. Noch nie, so sagt er heute, habe er weiter daneben gelegen. Die Reise war ein Ereignis, eine Schatztruhe voller Geschichten. Von den Problemen der Römer unterm Kreuz in Oberammergau und den nationalen Färbungen verschiedener Verschwörungstheorien über die Nostalgie älterer Russen beim Anstehen für Toilettenpapier bis zu dem kommenden Orientierungsproblemen, wenn die Corona-Pfeile irgendwann Geschichte sind, entfaltete Kaminer ein farbenreiches Bild der Corona-Ära. Wie immer schaute und hörte Kaminer genau hin und nahm das Große mit dem ganz Kleinen ins Visier.

Kultur gegen den Trübsinn

Bei den legendären Oberammergauer Passionsfestspielen waren die Kleinen die römischen Fußtruppen. Eine Rolle, die beliebt ist. „Man ist dabei und muss keinen Text auswendig lernen.“ Vor allem Ältere scheinen gerne in die Rüstungen der Römer zu schlüpfen. Was nun aber dazu führte, dass eben diese Römer zur Risikogruppe wurden und das am Fuße des Kreuzes. Eine besondere Gefahrenquelle. Denn, wie richtig angemerkt wurde, Jesus am Kreuz könne ja nicht einmal in die Armbeuge niesen.

Andererseits werde man jetzt nie erfahren, ob die Spiele dem Dorf gegen das Virus geholfen hätten. Immerhin hätten die Passionsfestspiele 1634 laut Überlieferung auch gegen die Pest geholfen. Kaminer ließ keine Zweifel daran, dass das nicht ernst gemeint sei. Kultur hilft nicht gegen das Virus, aber sie wirkt dem Trübsinn in den Seelen der Menschen entgegen. Auch kein ganz unwichtiger Punkt.

Herrlich war auch seine Begegnung im März mit zwei Vertretern der Zeugen Jehovas am Bahnhof Baden-Baden. Die Beiden, angesichts des Virus und des bevorstehenden Weltuntergangs in Höchststimmung, verwickelten Kaminer in ein Gespräch über das letzte Gericht und den Entscheid zwischen Sünder und Gläubiger. Für ihn eine Einteilung, die zu kurz greift. Es bräuchte noch den fröhlichen Sünder. Jemand, der nur Gutes wolle, bei dem es aber immer wieder Scheiße läuft. Sichtlich Spaß hat der Mann auch mit den Verschwörungstheorien. In Österreich begegnete er der Theorie, dass das Coronavirus ein alter Hut sei, und seit langem vor allem auch dafür Sorge, dass die Gehirnleistung sukzessive abnehme. Das solle vor allem nachts geschehen. Heißt, man wacht immer etwas dümmer auf, als man ins Bett gegangen ist. Und bei allen, denen das nicht auffalle, würde das Virus schon länger wirken. Für die Theorie sprächen die Phänomene Trump und Co., das räumte Kaminer ein.

Es war ein toller Abend. Der Gedanke des tschechischen Autors Bohumil Hrabal, „Das Leben ist zum Verrücktwerden schön, nicht das es so wäre, aber ich sehe es so“, wurde mit Kaminer hier in der Wollfabrik zur Parole des Abends. Und das übrigens in entspannter und sicherer Umgebung. Joachim Schulz und sein Wollfabrik-Team schafften mehr als genug Abstand zwischen den Menschen und mit einem Lüftungssystem, das dafür sorgt, dass Luft von draußen nach drinnen und von drinnen nach draußen kommt, ist das Menschenmögliche für die Sicherheit getan. Dem Kulturjahr eins unter Corona-Einfluss steht hier nichts mehr im Wege.

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