Schwetzingen

Die letzte Videothek Ein Unterstützerkreis will sein Geschäft retten / Bernd Wilberg bietet für 100 Euro ein Jahresabo an, um den Laden in der Friedrichstraße zu erhalten

„Kampflos gebe ich das ,Elpi’ keinesfalls auf!“

Normalerweise stehen im Schaufenster Pappaufsteller von Schauspielern und Plakate von den aktuellsten und sehenswertesten Filmen. Jetzt hat Bernd Wilberg das komplette Fenster seiner Videothek „Elpi“ in der Friedrichstraße 44 mit hellbraunem Packpapier zugeklebt. Darauf steht in riesigen Lettern: „Rettet das Elpi – werdet Unterstützer.“

Denn kampflos will der 59-Jährige sein Herzstück, das er seit 1987 leitet, nicht hergeben. „Der Umsatz ist um 30 Prozent zurückgegangen“, erklärt der Videoliebhaber, der gegen seine Onlinekonkurrenz fast nichts machen kann. „Streamingdienste sind einfach und relativ günstig. Die Menschen müssen nur ein paar Tasten drücken und schon haben sie eine große Auswahl“, sagt Wilberg.

Kunden wollen helfen

So oft kommen Kunden bei ihm in den Laden mit den Worten: „Es ist toll, dass es euch noch gibt!“ Viele schätzen die Videothek, aber kommen immer seltener, um sich Filme auszuleihen. „Das hat natürlich Konsequenzen für mich“, sagt er, während er mit den Schultern zuckt und etwas traurig aussieht. Um die vielen Menschen auf seine Situation aufmerksam zu machen, hat sich Wilberg verschiedene Projekte überlegt. Vor Weihnachten hat er auf seiner Facebook-Seite ein Video hochgeladen, um seine finanzielle Situation zu erklären. Mehr als 4000 Menschen haben das Video gesehen, 40 Kommentare stehen darunter und 110-mal wurde es geteilt.

Aber nicht nur er will das „Elpi“ retten: „Vor einigen Monaten hat ein Stammkunde meine Lage mitbekommen und gesagt ,ich will nicht, dass du hier schließt‘ und hat mich einfach so mit 50 Euro unterstützt“, erzählt er. Dann haben andere Kunden davon mitbekommen und einen Unterstützerkreis gegründet, um die Videothek zu erhalten.

Bei einem Jahresbeitrag von 100 Euro sollen die Unterstützer nur noch 2 Euro Verleihgebühr zahlen und einmal im Monat gibt’s einen Film aus dem Angebotsregal gratis. Wenn da ein paar Menschen zusammenkommen, sei die Existenz des Ladens noch für einige Jahre gesichert. „Mir ist es außerdem wichtig, dass ich das nicht für meine eigene Bereicherung mache. Jeder Cent fließt in meine Videothek – und es müssen auch nicht zwingend 100 Euro sein, jeder Betrag hilft.“ Momentan seien 16 Menschen Teil des Unterstützerkreises.

Täglich kommen zwei bis drei Kunden in seinen Laden, um Filme auszuleihen. „Das macht dann natürlich auch einfach nicht mehr so viel Spaß“, sagt der Videokenner, der dafür bekannt ist, seine Kunden ausgiebig zu beraten und auch unbekannte Filmtipps zu geben. In den Kommentaren unter dem Videoaufruf ist genau das zu lesen: „Du bist großartig, es wäre ein riesiger Verlust, wenn diese Ära zu Ende gehen müsste. Ich hoffe, dass die Menschen deine Kompetenz in Sachen Filmgeschichte würdigen und zum Fortbestand einer der letzten Videotheken beitragen. Großen Respekt für jemanden, der seine Arbeit liebt und tätigt, ohne sich in erster Linie bereichern zu wollen!“

Angebot stark verändert

Wegen der großen Resonanz auf sein erstes Video hat sich Wilberg noch ein zweites Mal gefilmt. Und gibt dabei zu bedenken: „Wenn jeder Vierte, der dieses Video gesehen hat, nur einen Film im Monat geliehen hätte, hätte es den Aufruf nicht geben müssen.“ Vor zehn Jahren sei der Laden noch den ganzen Tag über geöffnet gewesen und bis zu 100 Kunden liefen täglich ein und aus. „Das war etwa zwei Jahre nach dem Start der DVD. Das Angebot hat sich jetzt natürlich stark verändert, aber ich habe ja nichts zu verlieren – außer meinem Laden – und kampflos gebe ich den nicht auf.“ Als nächsten Schritt will er noch einige seiner Kunden persönlich anschreiben. „Ich habe einen ganzen Stapel Adressen – und den schaue ich dann Seite für Seite durch. Bei jedem Namen, bei dem ich direkt ein Gesicht vor Augen habe, schreibe ich“, sagt Wilberg.

Sein Angebot ist nach wie vor ausgiebig. An den Wänden sind verschiedene Regale mit den Worten: „Super!“, „TV-Serien“ oder „Frauen“ – um die Genres für die Kunden ganz leicht zu finden. Und wenn dann doch noch was unklar sein sollte, ist Bernd Wilberg da und macht genau das, was er liebt: über Filme sprechen.

Info: Den Videoaufruf gibt es unter www.schwetzinger-zeitung.de

Zum Thema
Das Wichtigste von heute
Newsticker Schwetzinger Zeitung
Newsticker Rhein-Neckar
Newsticker überregional