Schwetzingen

Geschichte und Geschichten Ursprüngliche Kalkulation von Nicolas de Pigage beläuft sich auf 5900 Gulden / Rechnung vom 30. Dezember 1752 weist 22 790 Gulden auf

Kosten des Schlosstheaterbaus explodieren

Archivartikel

Überraschung zum Jahreswechsel vor 267 Jahren: Am 30. Dezember 1752 stellte man fest, dass die Kosten für den Bau des Schlosstheaters um knapp 400 Prozent gestiegen waren – innerhalb von sieben Monaten! Das berühmte Rokokotheater ist eines der Gebäude am nördlichen Zirkelbau im Schlossgarten Schwetzingen. Die Geschichte hört sich ganz aktuell an – und gehört doch ins 18. Jahrhundert, als in Schwetzingen noch Kurfürst Carl Theodor seine Sommer verbrachte, heißt es in einer geschichtlichen Betrachtung der Staatlichen Schlösser und Gärten.

Nicolas de Pigage (1723 – 1796), in Lothringen geboren, war der Architekt des Schlosstheaters. Er studierte in Paris an der Académie Royale d’Architecture. Nach Aufenthalten in Frankreich, England, Italien und den Niederlanden kehrte Pigage in seine Heimatstadt Lunéville zurück, seit 50 Jahren Partnerstadt von Schwetzingen. Hier war er vermutlich für den polnischen Exilkönig Stanislaus I. Leszczynski tätig. Auf Empfehlung kam Pigage 1749 als „Intendant dero Gärthen und Wasserkünste“ in die Kurpfalz, um für Kurfürst Carl Theodor den Neubau von Schloss Schwetzingen zu planen. Dieser wurde aber zugunsten der Errichtung von Schloss Benrath bei Düsseldorf aufgegeben. Pigages Arbeitsplatz lag 20 Jahre lang weit entfernt von Schwetzingen am Niederrhein. In Schwetzingen machte der „Oberbaudirektor“ 1752 durch den Bau des Rokokotheaters im nördlichen Zirkelgebäude schließlich von sich reden.

Von kostspielig zu kostbar

Nicolas de Pigage schuf mit dem Rokokotheater von 1752 bis 1753 sein erstes Meisterstück in Schwetzingen. Am 20. Mai 1752 stellte er die Kosten für den Neubau des Theaters zusammen, die sich zu diesem Zeitpunkt auf 5900 Gulden beliefen. Durch mehrmalige Änderung der Pläne explodierte allerdings die Kalkulation. In einem Dokument, das auf den 30. Dezember des gleichen Jahres datiert ist, wurden „Sämtliche Kösten Betrag des Neuen Comedienhauses“ mit 22 790 Gulden und 42 Kreuzern berechnet – eine Überraschung. Das Theater des Kurfürsten sollte nach den neuesten Erkenntnissen der Architekturtheorie des 18. Jahrhunderts als modernes Rangtheater erbaut werden und das hatte natürlich seinen Preis.

1770 erhielt der Theaterraum eine Renovierung und Neufassung in zurückhaltenden Grautönen – typisch für den frühklassizistischen Stil. Der original erhaltene Zuschauerraum ist heute mit einer Bestuhlung von 1937 versehen – aber bietet ansonsten das authentische Bild eines intimen Schlosstheaters aus dem 18. Jahrhundert. Die angrenzenden Säle mit ihren hohen Fenstertüren dienen immer noch als Foyer und Wandelhalle. Die Kostenexplosion von 1752 ist heute längst vergessen. Für viele Menschen bietet der Besuch im Schlosstheater Schwetzingen ein grandioses Erlebnis, ob bei den hochkarätigen klassischen Konzerten oder Opernaufführungen auf der historischen Bühne oder neuen Veranstaltungsformaten. Das Schlosstheater ist längst von einer Kostspieligkeit des Kurfürsten zur Kostbarkeit geworden, von allen geliebt und besucht. zg

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