Schwetzingen

Manches ist immer aktuell

Archivartikel

Geschichte löst meist unterschiedliche Gefühle aus. Als überwiegende Abfolge von Jahreszahlen kommt sie nämlich oft sehr trocken daher. Gelingt es aber, den Zusammenhängen bis in unsere heutige Zeit nachzuspüren, kann sie auch sehr spannend sein. Trotz allem fristen Geschichtsbücher außerhalb von Lehrstoffen nur ein Nischendasein. Sie tauchen selten in Bestsellerlisten auf und sind in den meisten Bücherregalen und „Readern“ wenig vertreten.

Wenn Geschichte aber in anderer Form erzählt wird, kann man förmlich hineintauchen. Jüngst erlebte ich es so beim Stöbern in alten Büchern. Dabei entdeckte ich ein Exemplar aus dem Jahr 1996 – „Eine blendende Gesellschaft“ von Wolfgang Herles, einem ehemaligen ZDF-Politikjournalisten und späteren Talkshow-Moderator. Der Roman handelt von einem Bundestagsabgeordneten aus der süddeutschen Provinz, der Ermittlungen über den Tod eines befreundeten Parlamentskollegen anstellte. Es war die Zeit, als heftige Debatten über die Kosten für den Umzug des Parlaments von Bonn nach Berlin geführt und über Bauaufträge in Milliarden-Höhe entschieden wurde. Der – noch – brave Abgeordnete war Mitglied des Bauausschusses. Dieser spielte im politischen Bonn eine zentrale Rolle und wurde von Interessengruppen regelrecht eingekreist.

Und so waren sie schon damals alle zusammen: Die Strippenzieher aus Partei und Fraktion, die Stimmvieh-Hinterbänkler, die Wahlkreis-Wichtigen und die Familien zu Hause. In der Mitte, natürlich, der „ewige“ Bundeskanzler. Mit einigen Vertrauten und vielen heimlichen und offenen Feinden war er überall im Spiel. Eine seiner starken Waffen war das phänomenale Gedächtnis für viele Details aus dem politischen und privaten Leben von Freund und Feind.

Für Jüngere schon Geschichte, gab es die Treuhandanstalt zur Verwertung der ostdeutschen Betriebe und die D-Mark. Mitgemischt haben Journalisten von Zeitungen und Magazinen und der damalige deutsche Talkshow-Starmoderator. Und – keine Überraschung – die Geschäftemacher mit Geldwäsche und Korruption und dem Kampf um die Großaufträge in Berlin. Wahlweise aber auch der Errichtung subventionierter Golfplätze und Hotels in den „neuen“ Ländern (!) mit „Schnäppchenpreis“-Übernahmen von Unternehmen. Hinzu kam ein aufregendes Doppelleben in Bonn und Berlin mit gefährlichen Liebschaften. Lief etwas schief und drohte in die Öffentlichkeit zu kommen, fand man die Sündenböcke – damals wie heute – in der zweiten Reihe.

Es ist faszinierend zu lesen, wie der „kleine“ Abgeordnete seinen Weg, auch am Rande der Legalität, gesucht hat und dann irgendwie wieder vom „System“ der neuen und alten Mächtigen im Hintergrund gedeckt wurde. Manches kommt einem auch heute nur zu bekannt vor. Dieses Buch ist politischer Krimi und ein Stück Geschichte der Bundesrepublik. Mein Tipp: Stöbern Sie ruhig einmal in solchen „Oldtimern“, sie können zeitlos und spannend sein.

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