Schwetzingen

Maria weint

Archivartikel

Wie mag sie sich gefühlt ha-ben, diese Maria aus Magdala, früh am Ostermorgen? Da ist sie unterwegs zum Felsengrab Jesu, gerade ist es hell geworden über Jerusalem. Sie sucht den Leichnam des Gekreuzigten – des Mannes, der ihr Leben so radikal verändert hat. Alles hatte sie für ihn aufgegeben, war nachgefolgt als Apostelin unter Aposteln – bis zum blutigen, dornenbekrönten Ende am Karfreitag.

Vielleicht will sie ihrem Herrn, dem ihre ganze Liebe galt, noch einmal ganz nahe sein? Vielleicht seinen Körper mit wertvollen Ölen und Gewürzen salben, ein Ausdruck der Trauer zu jener Zeit, so wie wir heute Blumen zu den Gräbern tragen? Johannes, der die Geschichte im 20. Kapitel seines Evangeliums erzählt, lässt diese Frage offen. Aber ganz deutlich sagt er: Maria Magdalena weint. Weinend nähert sie sich dem Grab all ihrer Hoffnungen, zu Tode betrübt im Sinne des Wortes. So, wie viele Frauen und Männer auch in diesen Tagen zu den Gräbern ihrer Lieben gehen, überwältigt von der Trauer, den Erinnerungen, Fragen, auch von Schuldgefühlen. Im Angesicht der Gräber kann niemand mehr der Endlichkeit unseres Lebens ausweichen. Da gibt es keine Ausreden mehr – der Mensch, um den wir trauern, ist nicht mehr da, und jede Hoffnung, die darüber hinausgeht, ist nicht von dieser Welt. Was hilft dann noch? Und wer?

Die weinende Maria zeigt eines ganz deutlich: Ostern ist nicht allein ein Fest des brausenden Hallelujas und des Triumphs der Liebe über den Tod. Ostern ist auch ein Fest der leisen, zarten Töne. Ein Fest auch der Trauer, der Zweifel, der Missverständnisse. Und der Tränen. Das war bei Maria so. Und heute ist es immer noch so. Die Geschichte von Maria Magdalena am Grab tut uns gut, weil sie so nah an unseren eigenen Erfahrungen spielt: Da ist ein geliebter Mensch tot. Und jetzt?

Was hilft dann noch? Und wer?

Maria Magdalena geht weinend in das Felsengrab hinein. Aber dort ist kein toter Jesus zu finden. Nur zwei Engel. Und das ist ja nicht wenig. Wie sehr wünscht sich mancher von uns, einem Engel zu begegnen, der uns gibt, was wir brauchen: einen liebevollen Blick. Brot und Wasser. Oder ein gutes Wort. Einen Engel oder zwei, die uns sehen, wie wir sind.

„Frau, was weinst du?“, fragen sie. Sie sehen Maria. Sehen ihre Not. Halten diese Not aus. Weichen nicht aus vor ihr. Viele Trauernde unserer Tage wünschen sich genau dies: Dass andere Menschen sie sehen. Ihre Trauer aushalten, ihre Zerrissenheit. Ihre Fragen. Das andere das alles aushalten und nicht zukleistern mit leeren Formeln wie „das wird schon wieder“. Nein, wird es nicht. Die Toten in unseren Gräbern heute, sie kommen nicht wieder.

Zum Engel kann da werden, wer diese entsetzliche Leere mit den Trauernden teilt. Der versteht, warum da einer oder eine weint: Weil es zum Weinen, zum Heulen ist. Wer die Kraft hat, die Tränen anderer zu trocknen, kann anderen zum Engel werden. Da braucht es nicht einmal Flügel oder ein weißes Gewand. Die Ausstellung „Mein Engel“, die derzeit in der Stadtkirche zu sehen ist, erzählt davon. Maria, zärtlich angesehen von den Engeln, dreht sich um. Sie sieht einen Mann hinter ihr stehen. Erkennt Jesus nicht in ihm. Hält ihn für den Gärtner, gar für den Dieb des Leichnams. Aber der vermeintliche Gärtner hat nichts Böses an sich. Im Gegenteil. Er sieht nicht nur Maria und ihre Not, wie die Engel es taten. Er ruft sie auch noch bei ihrem Namen. Maria! Ein Moment voller Zärtlichkeit. Ganz schlicht – und doch steckt alles darin: die Trauer der Frau. Die Ahnung, die zur Gewissheit wird: Dieser Gärtner – das ist Jesus selbst! Er ist nicht im Tod geblieben. Er ist am Leben! Einen Moment lang steht der Himmel offen. Alle Zweifel sind verflogen, die Tränen versiegt. Er ist nicht tot!

Maria möchte den Moment festhalten. Wer wollte das nicht? Aber sie kann, sie darf es nicht. Der Himmel bleibt nicht offen und Jesus nicht bei den Seinen. Er ist nicht tot - aber auch nicht einfach wiederbelebt. Er lässt sich sehen, aber nicht wie vorher, nicht auf Dauer. Er kommt, wenn wir nicht erwarten, und entzieht sich, wenn wir ihn festhalten wollen.

Ostern heißt nicht, dass der Tod schon aus der Welt wäre und alle Tränen verschwunden, alle Zweifel verflogen. Ostern heißt: Die Zweifel gemeinsam tragen. Einander die Tränen trocknen. Das Leben feiern. Ahnen, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Suchen nach den kleinen Momenten, an denen uns der Himmel offen steht. Dem Wunder Raum zum Leben geben.

Maria kann Jesus nicht festhalten. Aber sie läuft los, sie muss die Nachricht vom Sieg des Lebens in die Welt tragen. Und so anderen zum Engel werden. Warum machen wir es nicht ebenso? Das wäre dann Ostern, auch beinahe 2000 Jahre später.

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