Schwetzingen

Theater am Puls Joerg Steve Mohr bringt Goethes Klassiker auf die Bühne / Regisseur setzt bei Inszenierung auf künstlerische Freiheit, hält sich aber an die Originalsprache

„Mephisto und Faust verschwimmen“

Archivartikel

„Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin. Und leider auch Theologie! Durchaus studiert, mit heißem Bemühn. Da steh ich nun ich armer Tor! Und bin so klug als wie zuvor . . .“ Wer kennt diese Worte nicht? Irgendwann musste ihn wahrscheinlich jeder mal mehr oder weniger freiwillig lesen. Es ist der Anfang von Goethes Faust I, ein sprachlich und philosophisches Meisterwerk, das meistzitierte und meistbesuchte Theaterstück in Deutschland. Ab Samstag, 29. September, ist es zum ersten Mal in Schwetzingen im Theater am Puls zu sehen.

Die Sommerpause nutzte Intendant und Regisseur Joerg Steve Mohr, um Faust I etwas anders zu inszenieren. Bei Temperaturen von über 37 Grad probten seine Schauspieler über sechs Wochen lang im Pelzmantel und bei heißem Scheinwerferlicht. Bis auf den erfahrenen Schauspieler Michael Hecht, ist es für die jungen Darsteller das erste Mal, Faust aufzuführen. Eine echte textliche Herausforderung, die sie aber während der Proben teuflisch gut gemeistert haben. Mohr zeigt mit seiner Inszenierung eine sehr mitreißende und junge Interpretation dieses klassischen Themas, die aktuell war und immer bleiben wird. In uns allen steckt eben ein bisschen Faust, das Streben nach immer mehr Wissen, Verlangen, Geld, Sex, Jugend. Aber macht es uns besser, brauchen wir noch einen Mephisto, um „böse“ zu sein oder haben wir das schon selbst geschafft? Im Interview mit dieser Zeitung verrät Joerg Steve Mohr, warum und wie er Faust I inszenierte.

Herr Mohr, warum gerade Faust?

Joerg Steve Mohr: Ich hatte ihn schon einmal vor ungefähr 18 Jahren in Heidelberg aufgeführt und ich finde, man sollte so alle 20 Jahre sich wieder daran machen, es ist ja auch Abi-Stoff. Man wird älter und die eigene Sichtweise verändert sich, man hat mehr Wissen und Lebenserfahrung, eben wie Faust.

Was erwartet den Zuschauer?

Mohr: Ich habe den Faust um zirka 30 Prozent gekürzt, aber alle Szenen behalten und uns allen Problemen gestellt. Es wird sehr viel Musik geben. Wir haben dafür den Gitarristen Stefan Ebert engagiert, der das komplette Genre abarbeitet, es ist alles dabei, neu vertont, einfach überraschen lassen. Jede Szene ist nicht modern, nicht klassisch, sondern zeitlos umgesetzt. Was die Figur braucht, bekommt sie. Neu ist der Anfang: Das Vorspiel beginnt nicht gleich als Tragödie, der Theaterdirektor, Dichter und lustige Personen sowie die himmlischen Heerscharen summen, singen, suchen und beginnen das Stück. Das gute alte Reclamheft wird auch auf der Bühne sein. Der alte Faust wird nicht mit dem Hexentrank und guten Maskenbildnern jünger, sondern er tauscht den Mantel mit dem jungen Mephisto, also ein Rollentausch. Mephisto und Faust verschwimmen – in jedem steckt eben auch ein Faust. So ist auf der einen Seite die Einsamkeit des Teufels, auf der anderen das Drängen und Wüten des Fausts ineinander übergegangen.

Wie halten Sie es mit der Sprache?

Mohr: Der Text ist im Original geblieben, ich würde mir nie anmaßen, die Sprache von Goethe zu ändern. Sprachlich bringt er alles auf den Punkt, die Dialoge sind spannend, cool, immer mit einer kabarettistischen Pointe am Ende, wenn es zu schwierig wird, wird es von uns erklärt. Faust als Stück ist nicht kompliziert, aber falls es doch langweilig werden könnte (lacht dabei), dann kommt Musik.

Was ist neu beim Bühnenbild?

Mohr: Wir haben das erste Mal eine Drehbühne, ist zwar sehr aufwendig, da sie nach jeder Aufführung abgebaut werden muss, viel Projektion, aber mehr möchte ich nicht verraten.

Haben Sie eine Lieblingsfigur, mehr Faust oder mehr Mephisto?

Mohr: Weder noch, es ist das Gretchen, die mich sehr berührt, tragisch ist, eigentlich sollte das Stück nicht Faust, sondern Gretchen heißen. Aber wenn ich eine Figur spielen sollte (lacht), dann Mephisto, das ist echt eine geile Sau.

Haben Sie Faust in der Schule gelesen? Mal ehrlich: Fanden Sie ihn damals gut?

Mohr (lacht): Nein, ich fand die Sprache äußerst schwierig. Erst mit 18 Jahren habe ich mich mit dem Lesen auseinandergesetzt, aber dann richtig.

Gibt es irgendwann Faust II?

Mohr: Nein, für mich nicht.

Zum Abschluss: Faust I in drei Worten?

Mohr: Selbstverliebter Egoist – geht über Leichen – macht weiter oder Wir sind Faust!

Info: Mehr Fotos von den Proben gibt es unter www.schwetzinger-zeitung.de

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