Schwetzingen

Erinnerungen eines Ur-Schwetzingers Oskar Hardung erzählt vom Einmarsch der Amerikaner

Nach Bombenangriff sprachlos

Archivartikel

Ein unschönes Erlebnis zum Ende des Krieges 1945 im März/April machte mir als kleiner Junge lange zu schaffen. Unsere Gärtnerei von Michael Hardung war in den letzten Jahren noch Ziel eines Fliegerangriffes. Mehrere Bomben machten Wohn- und Gewächshäuser dem Erdboden gleich. Da in dieser Zeit unglücklicherweise in der damaligen verlängerten Heidelberger Straße – heutige Schubertstraße – Kanalisationsarbeiten durchgeführt wurden, ist zu vermuten, dass die Amerikaner diese Arbeiten als Stellungsgräben interpretierten.

An einem Erdhaufen an der Straße vis-à-vis von unserem Grundstück war ich am Spielen und musste zusehen, wie die „Jabos“ unser Grundstück beschossen. Unsere Mutter Sofie wurde unter den Trümmern begraben und steckte bis zur Hüfte fest – und das neben dem kochenden Waschkessel, wo sie nach der Wäsche schauen wollte. Ein Arbeiter von der Kanalfirma wollte meiner Mutter zu Hilfe eilen und wurde von den Bordwaffen im Oberschenkel getroffen. Ein Kollege wollte ihm zu Hilfe kommen, doch dieser meinte: „Ich komme klar, hilf doch der Frau Hardung!“ Dazu kam es nicht mehr, da auch er erschossen wurde und wenige Meter neben Sofie starb.

Unser Vater, der zum Kriegsende noch eingezogen wurde, war in Frankreich. Aber ein sehr netter kriegsgefangener Franzose, mit dem wir auch nach Kriegsende Kontakt hatten, grub die eingeklemmte Frau aus. Zwischenzeitlich ergriff mich ein verletzter Soldat und wollte mit mir im Keller des Bräutigamschen-Hauses Schutz suchen. Ich riss mich jedoch los und rannte die Kellertreppen hoch. In diesem Augenblick fiel im Garten des Hauses eine Bombe und der Luftdruck riss die hintere Türe zum Garten aus den Angeln. Diese erfasste mich und drückte mich durch den Hausflur gegen die vordere Eingangstür. Ernsthaft verletzt wurde ich nicht, aber ein Riesenschock war es allemal. Ab sofort stellte ich das Sprechen für einige Zeit ein und danach kam noch lange nur wirres Zeug über meine Lippen. Doch Hilfe konnte ich von niemanden erwarten.

Unterschlupf bei Spilgers Oma

Wir fanden dann ein Notquartier bei der Schwester meiner Mutter, Marie Baumann beziehungsweise bei der Spilgers Oma in der Lindenstraße (Linnebäm). Als dann die Tage darauf die Amerikaner von Mannheim kommend in Schwetzingen einmarschierten, suchten diese Häuser, um sie in Beschlag zu nehmen. Bei der Oma wohnten nun aber schon sieben Kinder und sechs Erwachsene. Meine Mutter sah die Soldaten und ahnte, was da kommen würde. Sie rief einige der Kinder ins Haus, so dass der amerikanische Quartiersucher erbarmen hatte und unsere Bleibe verschonte.

Ein paar Tage später kam ein Kurier und verkündete, dass der Militärgeistliche bei der kinderreichen Frau am Sonntag einen Gottesdienst abhalten werde. Der Hof wurde gefegt und geputzt und für einen Gottesdienst gerichtet. Natürlich wurden wieder unsere „geliehenen Kinder“ eingesammelt, damit die kinderreiche Familie komplett war. Sicher bekamen wir alle etwas zu futtern von den „neuen Gästen“.

Die Gärtnerei war sehr desolat und was nicht zerstört war, wurde gestohlen. Wir hatten also fast nichts mehr, außer dem, was wir am Köper trugen. Der Vater war inzwischen in Gefangenschaft, doch er erfuhr – wie auch immer – von dem Unglück zu Hause und konnte flüchten.

Diese Geschehnisse wurden in der Familie immer wieder erzählt. Aber die Gesichter der Flugzeugführer in den Jagdbombern, die sehr tief ihr Ziel anflogen, sind mir bis heute in Erinnerung geblieben. Danach begann für mich noch eine harte Zeit.

Oskar Hardung ist ein Ur-Schwetzinger, in vielen Vereinen integriert und bekannt durch die Veröffentlichung seiner Lach- und Sachgeschichten in Mundart.

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