Schwetzingen

Holocaust-Gedenkfeier Schüler des Hebel-Gymnasiums tragen Texte des jüdischen Mädchens Ruth Bloch-Schwob vor

Nicht schuld sein am Vergessen

Archivartikel

Den Schülern des Hebel-Gymnasiums bei der Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus zuzuhören, war schmerzhaft. Am Montag auf den Tag genau vor 75 Jahren befreite die Rote Armee das Konzentrationslager Auschwitz. Eine von Menschen gemachte Hölle, die 1,6 Millionen Europäern den Tod brachte. Die Menschheit weiß, wozu sie fähig ist. Doch dieses Wissen scheint nicht dafür zu sorgen, dass die verheerende Weichenstellung für immer gemieden wird.

Im Gegenteil sogar. In der von den Schülern gesprochenen Collage, die einen Bogen von den 30ern des 20. Jahrhunderts und den Jahren dieses Jahrhunderts schlug, schien das so oft kolportierte „Nie wieder“ zunehmend an Kraft zu verlieren. Eine Einschätzung, die auch Bürgermeister Matthias Steffan zu teilen schien. Um zu lernen, müsse sich der Mensch erinnern. Leider würden das immer weniger tun. Jeder fünfte Deutsche glaube, so der Bürgermeister, dass die Erinnerung an den Holocaust zu viel Raum einnehme. Dabei seien das Lernen und Wissen die einzigen Garanten dafür, dass sich diese Niederlage des Menschsein nie wiederhole.

Das Mädchen Ruth

Sehr eindringlich brannte sich dieser Gedanke den Menschen ein, die den 17 Schülern des Leistungskurses Geschichte lauschten. Das Heute wurde dabei von den Erzählungen zum Leben des jüdischen Mädchens Ruth Bloch-Schwob gespiegelt. Die Schülerin erlebte im Schwetzingen zur Nazizeit die sukzessive Entmenschlichung. Ganz langsam, aber mit immer größerer Wucht, wurde sie an den Rand gedrängt, diffamiert und gedemütigt. Dazwischen riefen die Schüler kurze Statements, die das Heute beleuchten. Und dieses ist vor allem im Netz beängstigend.

Jeder vierte Deutsche habe antisemitische Gedanken, Hass gegen Juden mache sich im Netz und in der realen Welt breit, immer mehr Menschen glauben, dass Juden zu viel wirtschaftliche Macht hätten, die AfD will das Wort „völkisch“ positiv verstanden wissen und jüdische Friedhöfe und Häuser, in denen Juden leben, werden mit Hakenkreuzen geschmäht.

Die 1920er und 30er Jahre sind nicht die 20er Jahre des jetzigen, des 21. Jahrhunderts. Doch die Gegenüberstellungen, die die Schüler hier am Mahnmal zwischen Rathaus und dem Hotel „Adler Post“ präsentierten, ließ bei nicht wenigen hier das Blut gefrieren. Man sah es in den betroffenen Gesichtern der Zuhörer. Es gebe leider wieder gute Gründe, sich Sorgen zu machen. Hass und Wut machten sich dumpf und zerstörerisch breit.

Wie könne es sein, so fragten die Schüler, dass diese Quelle der Unmenschlichkeit nicht versiege. Gerade die Deutschen hätten doch erlebt, in welche Abgründe das führen könne. Gedenken heißt die Vergangenheit erkennen, über sie nachzudenken und für die Zukunft zu lernen. „Wir tragen keine Schuld an den Verbrechen, aber wir tragen Schuld am Vergessen und Nichtdenken.“

Und die 17 Schüler des Hebel-Gymnasiums, das machten sie sehr eindrücklich klar, sind nicht bereit dazu, diese Schuld zu tragen.

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