Schwetzingen

Friedhofskapelle Zum Volkstrauertag hält Pfarrer Steffen Groß sehr persönliche Andacht / Widerstandkämpfer seien "deutsche Helden"

Plädoyer für Menschenwürde

Archivartikel

Die Stadt und der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge veranstalteten gestern zum Volkstrauertag eine Feierstunde in der Friedhofskapelle. Anschließend wurden an den Denkmalen für die in den Kriegen gefallenen Soldaten Kränze niedergelegt. Der Musikverein-Stadtkapelle unter der Leitung von Sylvia Treiber begann die Feierstunde mit dem Lied "Bist Du bei mir", komponiert von Johann Sebastian Bach.

Pfarrer Steffen Groß ging in einer sehr persönlich gehaltenen Andacht scharf ins Gericht mit AfD-Politiker Alexander Gauland. Der hatte das Recht gefordert, "stolz zu sein auf Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen". Als Enkel zweier Wehrmachtsoldaten und Patensohn eines Stalingrad-Überlebenden habe Groß sich "seit Jahrzehnten an der Geschichte der Wehrmacht abgearbeitet", meinte er.

Sein Patenonkel Günter habe ihn gelehrt, "wie wunderbar diese Welt und vor allem, wie wunderbar die Vielfalt der Menschen in Europa ist". Gleichzeitig seien aber Briefe erhalten, in denen der gleiche Günter über "dreckige und zerlumpte Juden" höhne und "geifernd vor blindem Hass" über "entartete Kunst" spreche. Sein Patenonkel sei nicht stolz auf seine Leistungen gewesen, sondern habe zeitlebens versucht, seine Schuld zu sühnen.

Groß wies auch auf die Widerstandskämpfer vom 20. Juli 1944 hin. Das seien "die deutschen Helden", die Gewissensqualen auf sich genommen hätten, weil sie "um Jesu Christi Willen wussten: Sie müssen schuldig vor Gott und den Menschen werden, auf Teufel komm raus". Gauland sei selbst auch kein Held, "sondern ein Schurke ohne jede Ehre", schimpfte Groß.

Niemand wisse, ob er denselben Mut, die gleiche Konsequenz und das gleiche unerschütterliche Vertrauen in Gott gehabt hätte wie etwa der Christenmensch Dietrich Bonhoeffer, mahnte der Pfarrer, aller Toten der Kriege zu gedenken: "Und dann sollten wir mutig aufstehen gegen alle Versuche, die Verbrechen der Nazizeit, auch und gerade die der Wehrmacht, kleinzureden. Wir sollten streiten für Einigkeit und Recht und Freiheit. Für Demokratie und Menschenwürde." Es folgte das Lied "Von guten Mächten wunderbar geborgen", gedichtet von Dietrich Bonhoeffer in Gestapo-Haft und den sicheren Tod vor Augen.

Aus vergangenen Fehlern lernen

"Das schönste Denkmal, das ein Mensch bekommen kann, steht in den Herzen seiner Mitmenschen." Mika Kiefer, Schüler des Hebel-Gymnasiums, leitete seinen Beitrag mit einem Zitat des Theologen Albert Schweitzer ein. "Gutes wird nicht durch Böses getan", erinnerte der Oberstufenschüler an die "schockierenden Opferzahlen" des Nazi-Regimes und plädierte, aus Fehlern der Geschichte zu lernen. Auch für die Flüchtlinge müsse es eine Lösung geben, ohne Proteste und Gewaltakte, mahnte Kiefer.

Der Volkstrauertag sei ein Tag der Mahnung und der Versöhnung, aber auch der Hoffnung, erklärte der erste Bürgermeister Matthias Steffan. Die beiden Weltkriege hätten in der Geschichte unermessliches Leid gebracht, ging er auf eine "neue Realität" von Gewalt und Terror ein. Steffan dankte den Bundeswehrsoldaten für ihr Engagement in Auslandseinsätzen und bat, dabei die gefallenen Kameraden nicht zu vergessen.

Auch gelte es am Volkstrauertag, Erinnerungslücken durch den Tod von Zeitzeugen zu vermeiden und Kriegsdenkmale zu bewahren. Ein besonderer Dank galt der Ortsbeauftragten des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Sabine Englert, für die umfangreichen Vorarbeiten gemeinsam mit Schülern.

"Unsere Toten mahnen" steht auf dem Denkmal, an dem die Ehrenvorsitzende des Ortsverbands Schwetzingen im Sozialverband Deutschland (SoVD), Gerda Schilling und Steffan Kränze niederlegten. Der Musikverein-Stadtkapelle spielte das Lied vom "guten Kameraden", das Ludwig Uhland während der Befreiungskriege gegen Napoleon geschrieben hat. Bundeswehrsoldaten der Reservistenkameradschaft waren zur Ehrenwache angetreten, als Steffan und Englert die Kranzniederlegung zum Andenken an die Toten der Weltkriege vornahmen. Die Nationalhymne beschloss die Feierstunde an den Ehrenmalen auf dem Friedhof.

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