Schwetzingen

Zum Tag der Ersten Hilfe Viele Menschen trauen sich in einer Notlage kaum etwas zu / Ein Kurs ist nur für Führerscheinanwärter Pflicht und muss nicht aufgefrischt werden

Prüfen, rufen, drücken – und schocken

Archivartikel

Eine Notsituation. Ein Mensch liegt auf der Fahrbahn. Er blutet und ist nicht mehr ansprechbar. Atmet er noch? Schwer zu sagen, aber das Bewusstsein hat er verloren. Teil einer solchen Notlage kann jeder werden, ob bei einem Verkehrsunfall oder bei einem unerwarteten Herzstillstand.

Dann zählt jede Sekunde. Umso mehr Zeit vergeht, umso größer kann der Schaden sein, den der Mensch erleidet – es geht möglicherweise sogar ums pure Überleben. Nach den Angaben einer Forsa-Studie aus dem Jahr 2018 würden sich nur 57 Prozent der insgesamt 1521 Teilnehmer zutrauen, in einer Notfallsituation zu helfen. 40 Prozent haben diese Frage mit „Nein“ beantwortet – die restlichen drei Prozent waren sich unsicher.

Die Befragten, die sich nicht zutrauen, eine Person in einer Notfallsituation wiederzubeleben, geben dafür am häufigsten als Grund an (79 Prozent), dass sie in einer solchen Situation Angst hätten, etwas falsch oder gar noch schlimmer zu machen. Zwei Drittel (66 Prozent) wüssten nach eigenen Angaben nicht, was genau zu tun ist. 37 Prozent nennen als Grund, dass sie Hemmungen vor dem körperlichen Kontakt mit einer fremden Person hätten, beispielsweise bei der Mund-zu-Mund-Beatmung.

„Ich will nichts falsch machen“

Diese Gründe kennt auch Marco Herm. Er ist Sanitäter beim Deutschen Roten Kreuz und hört von vielen Menschen dann die Sätze. „Ich kann kein Blut sehen“ oder „Ich könnte ja etwas falsch machen“. Für ihn ist der häufigste Fehler, einfach nichts zu tun und weiterzugehen. „Was nämlich jeder kann: Die (europaweite) Notrufnummer 112 wählen“, sagt er.

In Deutschland muss man nur einen Erste-Hilfe-Kurs absolvieren, wenn ein Führerschein angestrebt wird. Eine Pflicht, diesen dann aufzufrischen, gibt es nicht. „Meines Erachtens sollte es eine solche Pflicht geben. Die meisten Menschen besuchen einen Erste-Hilfe-Kurs nur aufgrund des Führerscheins. Da man dieses Wissen nun doch recht selten benötigt, verlernt man vieles und ist dementsprechend in einem Notfall nervös und aufgeregt“, sagt Herm zu dieser Regelung. Lediglich bei Betriebssanitätern gibt es eine solche Pflicht – alle zwei Jahre muss der Kurs aufgefrischt werden.

Herm erklärt außerdem, dass eine wichtige Änderung, welche noch nicht überall bekannt ist, die Regel der Wiederbelebung sei. Bis 2006 galt: 15 Herzdruckmassagen und zwei Beatmungen im Wechsel. Nun gilt: 30 Herzdruckmassagen und zwei Beatmungen. Wichtig ist hierbei auch die Geschwindigkeit der Herzdruckmassage – etwa 100 Kompressionen pro Minute werden empfohlen. Als Anhaltspunkt gilt das Lied „Staying Alive“ von den Bee Gees.

In den vergangenen Jahren zeichnet sich ein zunehmender Stellenwert der Herzdruckmassage gegenüber der Beatmung ab. Deshalb wurde etwa das Verhältnis von Herzdruckmassage zu Beatmung von 15:2 auf 30:2 geändert, um die Phase der durchgehenden Druckmassage zu verlängern. Der plötzliche Herztod ist eine „menschliche Katastrophe“, der wir auch heute noch ziemlich hilflos gegenüberstehen, schreibt die deutsche Herzstiftung auf ihrer Internetseite. Er ist die Folge eines akuten Herz-Kreislauf-Zusammenbruchs, den alleine in Deutschland Jahr für Jahr 60 000 Personen erleiden. Die Rettungsmöglichkeiten sind gering. Nur fünf bis zehn Prozent der Wiederbelebungsversuche sind erfolgreich. Wird ein Kreislaufzusammenbruch beobachtet, hängt die Überlebenswahrscheinlichkeit wesentlich von der Schnelligkeit und der Qualität ab, mit der die Erstmaßnahmen zur Wiederbelebung eingeleitet und durchgeführt werden. In jeder Minute, in der ein Patient mit einem Herz-Kreislauf-Stillstand nicht mittels Herzdruckmassage behandelt wird, sinkt die Überlebenswahrscheinlichkeit um zehn Prozent, schreiben die Experten. Diese kurze Zeitschiene, in der eine erfolgreiche Wiederbelebung möglich ist, rücken Ersthelfer ins Zentrum der Rettungskette.

Die Überlebenskette steht als Symbol für die wesentlichen Einzelschritte bei einer Wiederbelebung. Prüfen, rufen, drücken und schocken sind die verschiedenen Maßnahmen, die nach Angaben der deutschen Herzstiftung in dieser Reihenfolge angewendet werden sollen.

W-Fragen beantworten

Wenn eine Person plötzlich umfällt oder auf dem Boden liegend vorgefunden wird, muss zunächst überprüft werden, ob diese bewusstlos ist. Dazu wird die Person laut angesprochen. Wenn die Person nicht reagiert und sich der Brustkorb als Zeichen der Atmung nicht typisch auf und ab bewegt, muss sofort Hilfe gerufen werden – Notruf 112.

Bei der Notrufzentrale werden dann alle wichtigen Fragen geklärt: Wer ruft an? Was ist passiert? Wo befindet sich die Person? Das Gespräch sollte erst beendet werden, wenn die Notrufzentrale keine Rückfragen mehr hat. Anschließend kniet sich der Ersthelfer an eine Seite der Person und führt eine Herzdruckmassage durch. Dazu den Handballen auf die Mitte des Brustbeines aufsetzen, die zweite Hand auf den Handrücken der ersten platzieren. Senkrecht über die Brust der Person beugen und mit gestreckten Armen das Brustbein fünf bis sechs Zentimeter in Richtung Wirbelsäule drücken.

Zum Schutz vor einer Infektion, den Mund und die Nase mit einem Tuch bedecken. Eine Herzdruckmassage ist extrem anstrengend, wenn möglich um Hilfe rufen und mit einer Person abwechseln.

Der Defibrillator sollte nach Angaben der deutschen Herzstiftung nur zur Anwendung kommen, wenn mindestens zwei Helfer vor Ort sind und jemand weiß, wo in unmittelbarer Nähe ein Defibrillator zu finden ist. So kann eine Person die Herzdruckmassage durchführen, während die andere den Defibrillator holt. Wenn er eingeschaltet ist, einfach den Anweisungen des Sprachcomputers folgen.

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