Schwetzingen

Lesung Mit Witz und dramaturgischem Gespür inszeniert Wladimir Kaminer seine Alltagsgeschichten / Ernste Themen humorvoll verpackt

Rotkäppchen trifft den Zeitgeist

Archivartikel

„Wo waren wir stehengeblieben?“ Mit dieser Frage spielte Wladimir Kaminer auf seinen letzten Besuch vor eineinhalb Jahren in Schwetzingen an, als er sein damals noch nicht veröffentlichtes Buch „Die Kreuzfahrer“ ankündigte und daraus Kostproben gab. „Nun ist die Lebenssituation eine ganz andere“, gestand er am Donnerstagabend auf der Bühne der ausverkauften Alten Wollfabrik, „meine Tochter Nicole studiert in Berlin europäische Ethnologie und Gender-Studies, ein Fach, von dem niemand weiß, was das ist.“

Gute Freunde rieten ihm, seinen spätpubertierenden Sohn in Australien „zwischenzuparken“, da will er aber nicht hin, Kaminers 87-jährige Mutter hingegen schon. „Ich dachte, es wäre bestimmt interessant, über diese Diskrepanz ein Buch zu schreiben“, verriet der Kultautor, „auf der einen Seite die jungen Menschen, die alles können und nichts wollen, auf der anderen Seite die Alten, die alles wollen, aber nichts mehr können.“ Für seinen neuen Band hat er schon einen Titel gefunden, „Rotkäppchen raucht auf dem Balkon“.

Witzige Familiengeschichten

Der Verlag ist damit nicht besonders glücklich, denn „da versteht ja kein Mensch, was gemeint ist“, aber dem Publikum las er daraus schon mal seine Lieblingsgeschichte vor, die nur so vor Humor und Witz, vor kuriosen und urkomischen Einfällen sprühte. Das muss man erlebt haben, wie er mit einer Mischung aus Erzählungen und vorgelesenen Passagen klug und feinsinnig Alltagsgeschichten seiner Familie zum Besten gab und damit den Zeitgeist traf.

Zum Beispiel jene vom 87. Geburtstag seiner Mutter, die zwar nicht groß feiern wollte, sich über den „freiwilligen“ Besuch ihrer Enkel aber gefreut hätte. „Solche Enkel gibt es nicht“, schickte ihr Sohn vorsorglich voraus. „Doch“, erwiderte sie, „Rotkäppchen“. Das sei aber eine Märchenfigur, konterte er, ausgedacht von frustrierten Omas. „Du glaubst doch nicht wirklich, dass das Mädchen mit dem Kuchen freiwillig zur Oma durch den dunklen Wald gegangen ist?“ Bestimmt sei sie von ihrer alleinerziehenden Mutter unter Druck gesetzt worden, hatte keine Lust dazu, schließlich kannten sich beide ja kaum, denn „Rotkäppchen konnte seine eigene Oma nicht mal vom Wolf unterscheiden“, machte Kaminer deutlich.

Eichhörnchen auf dem Kopf

Aber er schaffte es, auch ernste Themen wie die Politik Putins oder Trumps („der mit dem toten Eichhörnchen auf dem Kopf“) sowie die Flüchtlingsproblematik humorvoll zu verpacken. „Zurzeit scheint die halbe Welt in Bewegung zu sein“, stellte er fest, „die zwei größten Gruppen sind die freiwillig Reisenden, die Touristen, und die unfreiwillig Reisenden, die Flüchtlinge.“ Zu jeder dieser Gruppe habe er ein Buch geschrieben, die zu Bestseller wurden. Er sollte auf der Aida drei Lesungen halten, „doch eine Lesung auf einem Schiff ist nicht zu vergleichen mit einer Lesung hier in Schwetzingen“, meinte Kaminer, der im Alter von 23 Jahren nach Deutschland kam und sich in Berlin am Prenzlauer Berg niederließ. „Sie gehen anschließend nach Hause, auf dem Schiff aber, das von Wasser umgeben ist, funktioniert das nicht, so wurden aus drei eine 14-tägige Lesung“.

Am Ende erzählte er, wie die karibischen Inseln zu völlig zerstörten Paradiesen wurden, „zum Glück ist die EU noch intakt, die kaputten Inseln sollten wir gegen England austauschen“, schlug er vor. Unter tosendem Applaus von seinem Publikum verabschiedete sich Wladimir Kaminer und wünschte allen „eine solidarische EU und Russland als Freund“.

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