Schwetzingen

Theater am Puls Das Stück "Die Brüder Löwenherz" von Astrid Lindgren feiert eine gelungene Premiere / Inszenierung ist subtil und humorvoll zugleich

Sehnsucht ist ein scharfes Schwert

Welch sagenhafte Premiere des Stücks "Die Brüder Löwenherz"! Barfuß und in weißes Leinen gekleidet schweben sie über die Bühne des Theaters am Puls (TaP). Beide, Krümel (William Corbett) und Jonathan Löwe (Nicolas Abel), wissen: Der kleine Krümel, dessen Leben doch eigentlich noch vor ihm liegt, wird bald schon nicht mehr sein, dieser Welt entschlafen und ins Reich des Todes vorausgehen müssen - bis sein Bruder wiederkommt.

Der Lebensfaden ist ebenso fragil wie das Feinpapier an Wänden und Wegesrand (Bühne: Teresa Ungan), das den beiden liebenden Brüdern die Route weist. Die einzige Hoffnung: eines Tages wieder zusammenzusein. Doch wo nur? In Nangijala. Dem Ort, an dem niemand nur den beliebten, kräftigen Jonathan achten würde, sondern auch Karl der Krümel all den Schmerzen würde entsagen können, um ins kühne Abenteuer aufzubrechen. Astrid Lindgren hat die Pfade der "Brüder Löwenherz" vor knapp 45 Jahren literarisch vorgezeichnet, nun werden sie auf der TaP-Bühne beschritten.

Und es kommt, wie es kommen muss - nämlich anders als erwartet. Das Haus steht in Flammen, Jonathan packt seinen Bruder, springt aus dem Fenster und muss dem irdischen Dasein damit als Erster entsagen. Die Lehrerin ruft dem armen Jungen als Trauerrednerin noch ein "Löwenherz" hinterher, die junge Seele jedoch scheint verloren. Von den Geschehnissen sichtlich getroffen, wird auch Krümel dieser Welt rasch "Adieu!" sagen, dem großen Kelch der Dramatik damit jedoch gewiss nicht entgehen. Vielmehr hat die große Mission erst gewonnen. Denn Bogenschütze Hubert (Markus Maier), Rittersfrau Sophia (Michelle Brubach) und der Schankwirt zum "Goldenen Hahn", Jossi (Klaus Herdel), mögen im Kirschtal zwar ihren Frieden haben, doch der dunkle Fürst Tengil (Michael Heck) wartet mit Drachendame Katla nur darauf, der heilen Welt aus dem Heckenrosental heraus einen irreversiblen Schaden zuzufügen - und der schmerzt so schrecklich wie nie. Es gilt aufzubrechen. Rasch sind nicht nur Jonathan und Krümel auf dem Weg in die Finsternis, um die dämonischen Herrscher ein für alle Male auszuschalten, die ganze Gefolgschaft zieht an einem Strang - und genau da beginnt die Schwetzinger Inszenierung einzigartig zu werden.

Auch das Böse ist fehlbar

Denn statt das enorme Arsenal an Figuren dicht auf die kommode Bühne zu drängen, formt Intendant und Regisseur Joerg Steve Mohr seine Schauspieler zu Schemenwesen, die im Zwielicht der Handlung mal der hellen, mal der dunklen Seite der Macht zu dienen haben. Michael Hecht, eben noch der finstere Lord Tengil mit rabenschwarzem Mantel und Katze, wird im nächsten Augenblick zu einem fiesen Veder, der noch dem arglosesten Einwohner boshaft lachend die Wäsche von der Leine in den Schmutz wirft.

Daniele Veterale, als Orwar vor einem Wimpernschlag noch der mutig-entschlossene Anführer des Guten, konvertiert er fast ohne Brüche zum Gesellen in Schwarz, der selbst die schuldlosen Besucher mit dem Megafon vor sich hertreibt, um Tengil dem Großen die Ehre zu erweisen. Von seinem Dasein als blitzschneller Rappe Grim hat man da noch gar nicht gesprochen. Und doch fügt sich diese Wandlungsfähigkeit ohne jede Mühe in die Handlung. Dass selbst Klaus Herdel zuerst den betrügerischen Jossi gibt, der als Schankwirt seine geheimen Informationen zum Spionendienst macht, um später als alter Mann Mathias zu jenem Großvater zu werden, der Krümel die Haut rettet, ist so genial wie konsequent. In dieser Regie schimmern bewusst nicht nur die Kontraste der Machtverhältnisse durch, die machtvoll aufeinanderprallen. Wir werden daran erinnert, dass auch und gerade wir als Zuschauer beide Seiten der Macht unauslöschlich in uns tragen - und uns für die richtige zu entscheiden müssen. Wer, wie Michelle Brubach, zwischen trauernder Lehrerin, viriler Sophia und der rasenden Stute Fjylar eifrig hin- und herwandern muss, dem mag diese Entscheidung keine wirklich leichte sein, doch auf den Zuschauerrängen ist die Ansicht klar: Das Gute muss siegen. Und das wird es auch.

Die Inszenierung besticht bis ins Detail, ist subtil und gleichsam humorvoll. Schon die Tatsache, dass das Reich der Toten gerade wegen der absoluten Effektreduzierung so gefühl- und witzig in Szene gesetzt werden kann, lässt alle Kritiker früh aufatmen.

Doch wie sparsam und dafür auch intensiv Gefühle eingesetzt werden, reißt jeden mit - vom Kind bis hin zum Erwachsenen. Wie Daniele Veterale seine Botschaften als Bösewicht im Kastratensopran zum Besten gibt, Michael Hecht als Veder mit Seifenblasen hantiert und Oberwächter Markus Maier immer mal wieder die Worte versagen: Das ist großartig gemacht und zeigt, dass das Böse zwar fortwährend existiert, jedoch fehlbar ist. So wird am Ende nicht nur naiverweise alles gut: Es ist die Sehnsucht, die zum Triumph wird. Ein überragendes Ensemble verneigt sich da völlig zu Recht im Beifallssturm und der geneigte Kritiker wünscht sich: mehr davon!

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