Schwetzingen

Konzertkostprobe Entertainerin Ina Müller macht bei ihrem Gastspiel in der Heilbronner Harmonie mit Songs und Moderation Lust auf ihren Auftritt bei Musik im Park

Sie ist einfach eine ganz eigene Kategorie

Archivartikel

Ein Blick auf die Länge der Warteschlange vorm Damenklo macht nachdenklich: Sind Männer hier überhaupt zugelassen? Die Erleichterung beim Betreten des Saals, nicht der einzige Vertreter dieser Spezies zu sein, ist von kurzer Dauer - denn Ina Müllers liebstes Gesprächsthema an diesem Abend lautet "Der Mann, die Sackgasse".

Dass der Abend mit ihr in der Harmonie Heilbronn trotzdem auch für Träger von XY-Chromosomen höchst amüsant wird, liegt an den Entertainerqualitäten der plauderstarken Blonden aus dem hohen Norden. Die zelebriert sie mit Sicherheit auch am Sonntag, 5. August, um 20 Uhr, bei ihrem Gastspiel bei Musik im Park im Schwetzinger Schlossgarten.

14 Songs in zweieinhalb Stunden

Weniger sicher ist, worunter man die Art von Unterhaltungskunst korrekt einordnet, die die Sängerin, TV-Moderatorin und Kabarettistin den 2000 Besuchern in der ausverkauften Harmonie zu deren restloser Begeisterung bietet. "Konzert" würde die Tatsache verschweigen, dass das gesprochene Wort rund 50 Prozent des kurzweiligen Abends einnimmt: In die zweieinhalb Stunden passen gerade mal 14 komplette Songs. Für eine Talkshow wiederum wäre der musikalische Anteil doch zu hoch . . .

Für die Fans steht sowieso längst fest: Ein Abend mit Ina Müller ist eine ganz eigene Kategorie, eine Begegnung mit einem prominenten, irgendwie aber doch auch vertrauten Menschen, der sein Herz auf der durchtrainierten Zunge trägt. Wenn sie von ihren Erlebnissen in der Umkleidekabine bei der Anprobe eines Abendkleids erzählt, das erst durch "Quetschwäsche" passt, in die Totenköpfe eingenäht werden sollten, brüllen nicht nur die Damen.

Zu Hochform läuft die mit dem TV-Format "Inas Nacht" aus dem "Schellfischposten" in Hamburg bekannte preisgekrönte Plaudertasche auf, wenn eine Reitpeitsche in der Hand die Fantasie mit ihr durchgehen lässt und sie sich in Gernot-Hassknecht-Manier über dämliche Werbeslogans über Sport mit "Always ultra"-Binden in Rage redet.

Weil sie sich selbst nicht so ernst nimmt ("wenn ich mit meinem Freund in ein Haus ziehen würde, wäre das auch ein Mehrgenerationenhaus"), nimmt ihr das Publikum ihre Frotzeleien, etwa über die Ehe (von den Defiziten der Männer ganz zu schweigen) nie krumm. Und weil sie nicht nur über Beziehungsfrust singt ("Sie schreit nur noch bei Zalando"), sondern sich auch mit dem Thema Kinderlosigkeit als Kehrseite offener Zweierbeziehungen ("Wie du wohl wärst") auseinandersetzt, gerät Ina Müller nie in den Verdacht der Oberflächlichkeit.

Am meisten geht es um Liebe

Lieder über ihre Kindheit auf dem Lande ("Fünf Schwestern") hat sie ebenso mitgebracht wie über das Gejammere über Gebrechen ("Immer eine mehr wie du"). Am meisten geht es aber wieder um die Liebe - vor allem jene, die nur eine Weile funktioniert. Stücke wie "Tag eins nach Tag aus" vom aktuellen Studio-Album "Ich bin die" sind ebenso dabei wie "Drei Männer her".

Natürlich kann die kühle Blonde auch romantisch in "Wenn du nicht da bist", und die Idee, als letztes reguläres Stück quasi unplugged am Bühnenrand "Das war's" zu spielen und danach als "Standbild" zu verharren, ist wirklich originell.

Ein bisschen schade ist bei der ganzen Inszenierung, dass die hervorragende Band kaum dazu kommt, ihr Können zu zeigen. Bis Gitarrist Hardy Kayser bei "So was passiert mir heut nicht mehr" sein erstes Solo spielen darf, sind fast zwei Stunden Konzert vorbei.

Doch es gibt eben nur einen Star, und der führt bis zum Schluss das Wort: Jeder muss die Nachbarn bei der Hand nehmen und ihnen sagen: "Ich bin so froh". Alle machen mit.

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