Schwetzingen

Freiwilligendienst Carmen Dietrich unterstützt die Entwicklung von Bildung und sozialem Leben in dem südasiatischen Land / 19-Jährige berichtet von ihrem Alltag

Sie spielt und lernt mit Kindern in Indien

Archivartikel

„Wie? Du als junge Frau gehst nach Indien? Ist das nicht ein bisschen gefährlich?“ Diese Fragen wurden mir häufig gestellt, bevor ich vergangenes Jahr zu meinem Freiwilligendienst nach Indien aufgebrochen bin. Mittlerweile habe ich mich gut in dem südasiatischen Land, genauer gesagt in einer kleinen Stadt im Coimbatore-Distrikt im Süden Indiens, eingelebt. Die letzte und häufigste aller Fragen kann ich daher auch mit gutem Gewissen mit „Nein“ beantworten – gefährlich ist es nicht. Natürlich muss man die eine oder andere Regel beachten, aber bis jetzt habe ich mich – auch wenn ich erst 19 Jahre alt bin – immer sicher gefühlt.

Ich heiße Carmen Dietrich, komme aus Schwetzingen und habe im Sommer 2018 mein Abitur am Johann-Sebastian-Bach-Gymnasium in Mannheim gemacht. Bei der Schwetzinger Zeitung/Hockenheimer Tageszeitung absolvierte ich 2015 ein Praktikum. Daher wollte ich nun an dieser Stelle auch über meine Erfahrungen berichten, um junge Menschen vielleicht ebenfalls zu einem solchen Aufenthalt zu bewegen.

Verständigung auf Englisch

Direkt nach meinem Abitur starteten die Vorbereitungen für meinen Freiwilligendienst im Ausland. Zur Erklärung: Meine Entsendeorganisation aus Deutschland ist die Karl-Kübel-Stiftung aus Bensheim. Sie ist Partnerorganisation des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, die den Freiwilligendienst „weltwärts“ initiiert hat. In dem Programm stehen das gegenseitige Lernen und der interkulturelle Austausch im Mittelpunkt. Der Lerndienst richtet sich an Menschen im Alter von 18 bis 28 Jahren.

In zwei intensiven Seminarwochen konnte ich mich mit den Inhalten des Programms „weltwärts“ und meiner zukünftigen Rolle vertraut machen, verbunden mit einem ersten Hineinschnuppern in die indische Geschichte und Kultur. Nun bin ich schon fünf Monate in meinem Projekt und habe mich gut an mein neues Leben gewöhnt, mit allem, was dazugehört – der Kultur, der Sprache, dem Essen und auch mit dem Verkehr. Meine Einsatzstelle heißt „Good Shepherd Health Education Center and Dispensary“, kurz GSHEC. Dort leben Ann-Sophie Schneck und ich als Freiwillige und meistern gemeinsam den Alltag. Die Organisation beschäftigt sich mit der Entwicklung der umliegenden Dörfer im Hinblick auf Gesundheit, Wirtschaft, Soziales, Kinder und Aus- und Weiterbildungen.

Meine Aufgaben in dem Projekt sind breit gefächert. Einmal in der Woche gehe ich in einen nahegelegenen Kindergarten, um mit den Kindern zwischen eineinhalb und fünf Jahren zu basteln, englische Lieder zu singen und ihnen ein paar englische Vokabeln beizubringen.

An jedem Dienstag besuche ich in die staatliche Schule in der Stadt, in der ich wohne. Dort versuche ich, den Schülern auf spielerische Weise gesprochenes Englisch näherzubringen. Mit unterschiedlichen Methoden will ich den Kindern vermitteln, die gelernte Theorie im Alltag anzuwenden. Auf Englisch kommunizieren zu können ist in Indien sehr wichtig. Dem GSHEC ist auch ein Kinderheim angeschlossen, das sich auf dem Gelände der Organisation befindet. Es werden Mädchen zwischen sechs und 16 Jahren aufgenommen, deren Familien sich aus sozialen oder finanziellen Gründen nicht um ihre Kinder kümmern können. Gemeinsam spielen wir klassische Kinderspiele, basteln, singen und tanzen. Auch hier sprechen wir Englisch. So verbessern die Mädchen ihre Sprachkenntnisse.

Im Büro der Organisation arbeite ich ebenfalls mit. Ich erstelle Präsentationen und Dokumentationen, schneide Videos zu Themen wie Abfallorganisation oder „fröhliches Lernen“, eine für Inder neue Lernmethode, die im Gegensatz zum üblichen Frontalunterricht steht. Die Präsentationen sollen den Gästen aus den deutschen Partnerorganisationen das Projekt veranschaulichen. Zuletzt haben wir ein indisches Modelldorf gebaut, welches das Wirken von GSHEC darstellt. An den Nachmittagen fahren ein paar Mitarbeiter und ich in umliegende Dörfer, um die „SLFC Center“, eine Art Hort für die Schüler, zu besuchen. Wenn wir mit dem Auto in den Dörfern ankommen, begrüßen uns die Kinder überschwänglich. Sie sind neugierig. In den Zentren spielen wir mit den Kindern Lernspiele wie Rechenkönig oder Galgenmännchen auf Englisch. Das ist eine gewollte Abwechslung zum Schulalltag.

Auf den Straßen geht’s wild zu

Natürlich konnte ich auch schon zahlreiche Facetten der indischen Kultur kennenlernen. Ich hatte die Möglichkeit, eine hinduistische Hochzeit mitzuerleben und Tempel zu besuchen, was mir einen Einblick in den Hinduismus ermöglichte. Zur indischen Kultur zählt auch die Kleidung. So stand in der ersten Woche meines Aufenthalts das Shoppen an: Weite Hosen und Oberteile, die über den Po reichen, sind hier die Alltagskleidung für unverheiratete Frauen. Da die Oberteile häufig maßgeschneidert werden, habe ich auch einen Nähkurs besucht, um mir meine eigenen Klamotten zu nähen.

In Indien besteht durch die Kolonialzeit bedingt Linksverkehr, was aber die kleinste Umstellung für mich war. Mir machten eher die überfüllten Straßen zu schaffen. Hier mischen sich Tiere, Fußgänger, Fahrradfahrer, Motorräder, Rikschas, Autos und Busse. Die Fahrzeuge überholen einander wild, mit lautem Hupen – ohne Rücksicht auf den Linksverkehr. Da rutscht einem schon mal das Herz in die Hose.

Ich habe die indische Bevölkerung bisher als sehr offen und hilfsbereit kennengelernt. Das gefällt mir sehr gut, gerade weil man als „Ausländer“ auch auf Hilfe angewiesen ist. Ebenfalls können wir uns von den Indern etwas von ihrer Gelassenheit und positiven Grundhaltung abschauen. All diese kulturellen Erfahrungen, die Arbeit mit den Kindern, im Büro oder in der Schule, gehören zum Freiwilligendienst. Für diese umfassenden Einblicke in eine fremde Kultur und Gesellschaft bin ich sehr dankbar und versuche, mich hier so gut ich kann einzubringen.

Info: Mehr Fotos gibt es unter www.schwetzinger-zeitung.de

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