Schwetzingen

Historische Notizen Was im Nachlass von Georg Kleinbongartz zu finden war / Während der Nazizeit hat er die illegale SPD-Schrift „Sozialistische Aktion“ verteilt

Spurensuche fördert ein Bild zu Tage

Schwetzingen/Brühl.Immer wieder erweisen sich bei historischen Recherchen Erinnerungen von Zeitzeugen – und dabei auch Materialien wie Fotos aus privaten Nachlässen – als wichtig und wertvoll. Denn durch sie sind zeitgenössische Informationen zu erhalten, die Erkenntnisse aus Akten bestätigen, präzisieren oder gar über „Oral History“ schriftlich nicht überlieferte Zugänge ermöglichen. Dass dabei zumindest ebenso quellenkritisch zu verfahren ist wie bei schriftlichen Quellen, sollte sich von selbst verstehen.

Wir hatten über die Geschichte des zur Nazizeit wegen „kommunistischer“ Einlassungen und seines Widerstands gegen die Staatsgewalt verfolgten Rudolf Huber berichtet. Was aus dem von den Nazis politisch verfolgten und für nahezu elf Jahre inhaftierten Huber wurde, nachdem er nach der Befreiung nach Schwetzingen zurückgekehrt war, war allerdings unbekannt geblieben.

In Brühler Familie eingeheiratet

Daraufhin hatte sich das Schwetzinger Ehepaar Rudolph an unsere Zeitung gewandt. Margarete Rudolph, geborene Kleinbongartz, vermutete, dass Huber mit der späteren Heirat seiner Frau Elisabeth, ebenso eine geborene Kleinbongartz, in ihre Familie eingeheiratet hatte. Ihre Annahme bestätigte sich. Das Paar lebte dann in Brühl. Dort hatte schon die Familie der Eltern von Georg Kleinbongartz, also ihres Vaters, gelebt, dessen Elternhaus dort stand.

In den späteren 1930er Jahren zogen sie nach Schwetzingen, wo ihr Vater selbst dann später eine Dienstwohnung als Gartenmeister im Schlossgarten beziehen sollte. Sie informierte insbesondere darüber, dass ihr Vater auch zu den hier politisch widerständigen Sozialdemokraten, nicht nur zu deren informellem Kreis, sondern auch zum Verteilernetz der illegalen SPD-Schrift „Sozialistische Aktion“ gehört hatte. Er sei zwar denunziert worden, doch da er auch gewarnt worden sei, habe er sein Material noch rechtzeitig vor einer Haussuchung in Sicherheit bringen können und entging daher einer Verurteilung.

Dann wandte sich zudem noch Albert Kleinbongartz an uns, der Bruder von Margarete Rudolph, und meldete einen möglichen Fund im Nachlass seines Vaters. Ein handschriftlicher Text darin sollte, so lautete übrigens auch die Aufschrift, von einem Pogrom handeln. Lag hier womöglich ein Zeitzeugen-Bericht eines Verfolgten aus der Nazizeit in Schwetzingen vor? Das wäre selbstredend von höchstem Interesse. Am Rand sei bemerkt, dass einzelne Zeitzeugenangaben bemerkenswerte Informationen enthalten, die aber manchmal schwer zuzuordnen sind.

Die Sichtung der mehrseitigen Handschrift ergab dann aber, dass der Text von einer anderen Geschichte handelte, wobei aber Pogrome eine wichtige Rolle gespielt hatten. Nämlich von der Verteidigung des Sholem Schwarzbard, eines jüdischen Publizisten und Anarchisten, der 1926 in Paris den ukrainischen Politiker Petljura erschossen hatte. In dessen Herrschaftsbereich hatten sich antisemitische Pogrome ereignet, denen Zehntausende Juden zum Opfer fielen, darunter Familienmitglieder und die Eltern Schwarzbards. Dieser wurde im Pariser Verfahren freigesprochen. Im Nachlass des Vaters Kleinbongartz fand sich schließlich aber doch noch ein Foto von ihm selbst, so dass wir jetzt buchstäblich ein Bild von ihm gewinnen können, indem wir hier sein Foto zeigen. Sein Sohn Albert wies schließlich noch darauf hin, dass sein Vater und der Sohn einer jüdischen Familie Rennert als Kinder zusammen gespielt hätten, und dessen Familie sei ihrem Rat zur Flucht gefolgt.

Ansprüche angemeldet?

Aus der Zeit nach der Befreiung, vom November 1948, datiert ein Schreiben des Arztes Dr. David Rennert an George Kleinbongartz, nun in Schwetzingen wohnend. Daraus wird erkennbar, dass die Rennerts anstrebten, ihre Ansprüche gegen ein Mannheimer „Immobilien Bureau“ geltend zu machen, von dem sie sich übervorteilt sahen.

Von weiteren jüdischen Mitbürgern aus der Gemeinde Brühl finden sich übrigens heute noch auf dem Schwetzinger jüdischen Friedhof die Gräber von Jakob Rhein, geboren am 28. September 1860 in Ketsch, am 27. März 1934 in Brühl verstorben, sowie von Sara Rhein, geborene Rexinger, die vom 3. Mai 1859 bis 7. Februar 1919 in der Hufeisengemeinde lebte.

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