Schwetzingen

Stadtbibliothek Literarische Reise mit Gedichten und Chansons / Themen wie Liebe, Hoffnung und Tod

Streifzug durch Frankreich

Archivartikel

„Selten ist uns die Auswahl für eine Buchpräsentation so schwergefallen wie zum Thema Frankreich“, sagte Barbara Hennl-Goll gleich zu Beginn der Veranstaltung, die an diesem Sommerabend ausnahmsweise im schönen Ambiente des Hofes hinter der Stadtbibliothek stattfand. „In Frankreich gibt es viel gute Literatur, viel gute Musik, dass es nicht einfach ist, sich zu entscheiden.“ Doch ist es dem Team um Barbara Hennl-Goll aus Anlass der 50-jährigen Jumelage Schwetzingen-Lunéville wunderbar gelungen, nicht nur wichtige Literaturtipps zu geben, sondern auch französisches Flair in das historische Ambiente zu zaubern.

Französischlehrerin Valerie Büchner hat in vorbildlichem Französisch, das auch ihre Muttersprache ist, Gedichte vorgetragen von Pierre de Ronsard (1542 – 1585) und Victor Hugo (1802 – 1885), aus dem Mikrofon ertönten französische Balladen von Francois Villon (1431 – 1463) und Chansons von Edith Piaf, dazu wurden feine französische Spezialitäten mit Rot- oder Weißwein gereicht, „un vrai beau soir“. Und die vielen Besucher der Veranstaltung nutzten die Gelegenheit, sich von den passionierten Bücherliebhabern Barbara Hennl-Goll, Katja Breitenbücher, Dagmar Krebaum und Jürgen Haber in ihrem Streifzug durch die französische Kultur inspirieren zu lassen und dazu so manche Erkenntnis über berühmte Persönlichkeiten zu gewinnen.

Kenntnisreich sprach Hennl-Goll zunächst über den Existenzialismus mit seinen Vorläufern Søren Kierkegaard (1813 – 1855) und Friedrich Nietzsche (1844 – 1900), dem der amerikanische Autor Irvin Yalom im Roman „Und Nietzsche weinte“ ein Denkmal gesetzt hat. Von kollektivistischen Ideologien verwüstet und orientierungslos zurückgelassen wurde der Existenzialismus, der die Freiheit und Verantwortung des Einzelnen entdeckte, zum Lebensgefühl einer ganzen Generation nach 1945. In ihrer Gesamtschau umriss Henn-Goll das Leben der berühmtesten Vertreter, zu denen vor allem Jean-Paul Sartre (1905 – 1980) mit dem Roman „Der Ekel“ gehörte, Albert Camus (1913 – 1960) mit „Der Mythos des Sisyphos“ und Simone de Beauvoir (1908 – 1986), für die Sartre trotz seiner „kleinen Statur, den wulstigen Zackenbarsch-Lippen, abstehenden Ohren und in verschiedene Richtungen blickende Augen“ die große Liebe ihres Lebens war. All dies kann man nachlesen in „Oh, Simone!“ von Julia Korbik (rororo 2017, 320 S., 12,99 Euro) oder in „An den Ufern der Seine“ von Agnes Poirier (Klett-Kotta 2019, 508 S., 25 Euro). Und weil Hennl-Goll besonders die Jugend am Herzen liegt, empfahl sie noch „Die Königinnen der Würstchen“ von Clementine Beauvais (Carlsen 2017, 288 S., 16,99 Euro), das „soziale Zwänge, Trauer und erste Liebe einfühlsam, witzig und mit Verve erzählt“.

Für Bibliotheksleiterin Katja Breitenbücher lohnt es sich allemal, zur zweisprachigen Ausgabe von Francois Villons „Sämtliche Werke“ (dtv 2002, 336 S., 12 Euro) zu greifen. In seinen Balladen verarbeitet der Dichter des französischen Spätmittelalters die Erlebnisse seines abenteuerlichen Lebens, von denen Breitenbücher schwärmte wegen der sprachlich eindringlichen Gestaltung von stets aktuellen Themen wie Liebe, Hoffnung und Tod.

Bezug zur Gegenwart

Eine große Bereicherung war auch, was Dagmar Krebaum den Zuhörern empfahl. Mit ansteckender Begeisterung ging sie auf Iris Radischs essayistischen Band „Warum die Franzosen so gute Bücher schreiben“ (Rowohlt 2017, 240 S., 19,95 Euro) ein, der mit den Existenzialisten beginnt, zum Nouveau Roman übergeht und in der Gegenwart landet. Auf lockere, kurzweilige Art nahm sie auch Bezug zu aktuellen Ereignissen wie dem Großbrand von Notre-Dame, Anlass genug um sich wieder Victor Hugos berühmten Roman „Notre-Dame de Paris“ vorzunehmen. Dieses lebendige Bild der französischen Literatur, die seit 1945 zehn Nobelpreisträger aufweist, ergänzte Krebaum mit Patrick Modiano (*1945), der ein Thema aufgreift, das bei Sartre und Camus nicht vorkommt: die Vernichtung der Juden.

Als unterhaltsamen Roman, der die großen Zeiten von Blues und Rock rekapituliert, stellte Haber „Vintage“ von Grégor Hervier (Diogenes 2019, 400 S., 13 Euro) vor. Mit den Kurztipps, die Krebaum und Hennl-Goll noch gaben und Bücher wie „No & ich“ von Delphine de Vigan (Knaur 2010, 272 S., 9,99 Euro), „Die letzte Liebe des Monsieur Armand“ von Francoise Dorner (Diogenes 2008, 137 S., 10 Euro) oder „Fünf Tage in Paris“ von Tatjana de Rosnay (Bertelsmann 2019, 304 S., 20 Euro) als bemerkenswert empfahlen, endete dieser Abend, „que personne n’a regretté“, wie Edith Piaf zum Schluss sang.

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