Schwetzingen

Landgericht Überfallene kann ihre Ausbildung nicht fortsetzen

Tankstellen für gute Klamotten ausgeraubt

Schwetzingen/Brühl/Mannheim.Die beiden jungen Männer senken immer wieder den Kopf, als sie im Gerichtssaal neben ihren Verteidigern sitzen. Nach und nach realisieren sie, was sie getan und wie viel Angst sie ihren Opfern gemacht haben. Vor der Jugendstrafkammer des Landgerichts begann am Freitag der Prozess gegen zwei 18-jährige Mannheimer, denen die Staatsanwaltschaft besonders schweren Raub zur Last legt. Die Freunde haben gestanden, am Abend des 18. Januar 2020 kurz vor 22 Uhr die OMV-Tankstelle in Schwetzingen und am 14. Februar gegen 21 Uhr die OMV-Tankstelle in Brühl überfallen zu haben.

Beide stehen in einer Ausbildung und leben noch bei ihren Eltern, die dem Verfahren vor der Jugendkammer unter Vorsitz von Richter Dr. Joachim Bock beiwohnen. Beide spielen Fußball und trainieren gerne im Fitnessstudio. Sie tragen am liebsten gute Klamotten und gönnen sich Restaurantbesuche. Als das Geld knapp wird, entschließen sie sich zum Raub – jetzt sitzen sie in Untersuchungshaft.

Die Verteidiger Dr. Jörg Becker und Daniel Gönnheimer machen für ihre Mandanten umfassende Angaben. Die 18-Jährigen beantworten alle Fragen des Gerichts: Der Angeklagte S. wird in Indien geboren und kommt mit einem Jahr mit den Eltern nach Deutschland. Nach der Realschule beginnt er eine Ausbildung als Elektroniker bei der Bahn. Er wird wie seine jüngeren Brüder strenggläubig muslimisch erzogen.

Der Beschuldigte A., ebenfalls strenggläubiger Muslim, ist sein Kindergartenfreund. Die Eltern stammen aus Pakistan. Der gebürtige Schwetzinger beginnt nach dem Schulabschluss eine Ausbildung zum Zahntechniker. Sie besorgen sich zwei täuschend echt aussehende Spielzeugpistolen. Als sie die Tankstelle in Schwetzingen betreten, hält S. die Waffe. Mit dabei ist sein Cousin. Der gesondert Verfolgte zieht ein Messer aus seiner Hosentasche. Sie bedrohen die Kassiererin. A. nimmt das Geld aus der Kasse – 879 Euro in Münzen und Scheinen.

Knapp vier Wochen später folgt die gleiche Masche in Brühl. Dieses Mal hat A. den Plastikrevolver in der Hand und zielt Richtung Kassiererin. S. greift sich die Beute von 890 Euro. Der Cousin ist diesmal nicht dabei. Die Täter flüchten aus der Tankstelle und fahren mit dem Auto nach Rheinau. Eine Stunde später werden sie dort festgenommen.

Die Jugendkammer sei „ziemlich fassungslos“, sagt Richter Dr. Joachim Bock. Man rätsele über das Motiv für diese „schwerwiegenden Straftaten“. Das Gericht nimmt Lichtbilder in Augenschein. Die Aufnahmen der Überwachungskameras identifizieren die Heranwachsenden eindeutig. „Wenn es einmal klappt, dann geht es auch ein zweites Mal“, hätten sie sich überlegt, sagt S. Dass der Dritte ein Messer gezogen habe, hätten sie nicht gesehen, meint A. In der U-Haft haben sie sich gegenseitig geschrieben, wollen Freunde bleiben. Besuch durften sie wegen der Corona-Krise nicht empfangen. Die Eltern sind traurig und enttäuscht. „Wir konnten unseren Müttern nicht ins Gesicht schauen“, sagen die jungen Angeklagten.

Notfallknopf gedrückt

Die 24-jährige Kassiererin der Tankstelle in Schwetzingen schildert den Tatabend: „Mir war gleich klar, was die wollen.“ Die Frau drückt den Notfallknopf. Als die Polizei kommt, sind die Täter weg. Ab und zu habe sie noch ein komisches Gefühl, weil Kunden wegen der Corona-Krise mit Maske reinkommen. S., der ihr einen Brief schickt, und A. entschuldigen sich: „Es tut uns leid, dass wir Sie bedroht haben. Ein großer Fehler. Wir hoffen, das passiert Ihnen nie wieder.“ Ihre Verteidiger überreichen in der Verhandlungspause ein Schmerzensgeld von 1000 Euro an die Frau.

Die 23-jährige Kassiererin der Tankstelle in Brühl, die Nebenklägerin ist, weint bei ihrer Aussage. Sie kann den Überfall nur schwer verkraften. Sie schläft nicht mehr gut und muss Beruhigungsmittel nehmen. Sie will ihre Ausbildung nicht fortsetzen. Auch bei ihr äußern die Angeklagten ihr Bedauern und lassen über ihre Anwälte ein Schmerzensgeld von 1000 Euro übergeben. Die 23-Jährige hört sich die Entschuldigung an, akzeptieren will sie sie aber nicht.

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