Schwetzingen

Reihe Alt-Schwetzingen In dem Gebäude der heutigen „Alten Wollfabrik“ befand sich einst die Firma Kutz und Seifert

Tanzsaal wird zur Strickfabrik

Ein altes Gebäude mit Backsteingemäuer und großen, spitzzulaufenden Fenstern. Mit dem Bauzaun vorne dran, wirkt das Objekt nicht gerade einladend. Die Rede ist vom heutigen Veranstaltungshaus „Alte Wollfabrik“. Vor nicht allzu langer Zeit sah das noch ziemlich heruntergekommen aus: Erst die Renovierung und Umgestaltung machten das Gebäude zu dem attraktiven Ort für besondere Ereignisse, der er heute ist. Doch wo kommt eigentlich der Name her und wofür wurden die historischen Räumlichkeiten früher genutzt? Dazu finden sich nur noch wenige Informationen.

Das Gasthaus „Zum wilden Mann“ in der Mannheimer Straße 35 war mit dem Gebäude der „Alten Wollfabrik“ durch einen Verbindungsbau verbunden. Die Gastwirtschaft wurde im Jahr 1834 im Auftrag von Johann Georg Seitz erbaut und vom damaligen Bürgermeister Christoph Daniel Helmreich gastronomisch betrieben. Das Gasthaus erhielt die Schildgerechtigkeit etwa um das Jahr 1850. Das bedeutet, dass es ein Schild anbringen und als öffentliches Gewerbe in der Ortschaft betrieben werden durfte.

Als Schildwirtschaft waren die Betreiber des „wilden Mannes“ verpflichtet, Fremde zu beherbergen und eine größere Auswahl an warmen Speisen und Getränken als einfache Gassenwirtschaften anzubieten. Damit dienten die Schilder auch als Wegweiser für Ortsfremde und gewannen im aufkommenden überregionalen Personen- und Warenverkehr immer mehr an Bedeutung. Einem Eintrag aus dem Handelsregister von 1894 ist zu entnehmen, dass das Gasthaus „Zum wilden Mann“ und seine Brauerei als Aktiengesellschaft organisiert waren. Deren Vorstandsvorsitz übernahm am 22. Mai 1894 Lambert Weiß mit dem Recht auf Kollektivzeichnung.

In dem Gasthaus fanden häufig Veranstaltungen statt – wie Anzeigen in dieser Zeitung belegen: Etwa der närrische Kappenabend des Arbeiter-, Rad-, und Kraftfahrerbundes „Solidarität“, ein Vortrag über Elektrizität, zu dem der Gewerbeverein lud, oder eine theatralisch-musikalische Abend-Unterhaltung des Sängerbundes.

Viele Veranstaltungen fanden in der Glashalle des „wilden Mannes“ statt. Das zusätzliche Gebäude, in dem sich heute der Veranstaltungsort, die „Alte Wollfabrik“ befindet, wurde 1929 als Tanzsaal für das Gasthaus erbaut. Eine Tanzunterhaltung bot etwa der Auftritt des „Ersten Bandoneon Orchesters Schwetzingen“ im Juli 1931. Dazu lud der Vorstand des „Wilden Manns“ ein.

Ende der 1960er Jahre bezog die Firma Kutz & Seifert den Saal zur Fabrikation und zum Verkauf feinster Strickwaren. Die Firma war zuvor in der Dreikönigsstraße angesiedelt, wo sie im Juli 1950 ihre Produktion aufnahm. Laut der Gewerbekartei war der 1910 in Kattowitz geborene Franz Kutz seit Anfang der 1960er Jahre Alleininhaber der Fabrik.

Seine vormalige Mitinhaberin und zweite Namensgeberin Elsbeth Seifert schied zu diesem Zeitpunkt aufgrund von einer Heirat aus dem Betrieb aus. Eine Schwetzingerin erinnerte sich daran, dass ihre Mutter einst dort arbeitete. Demnach stellten die Firma unter anderem Babykleidung für Krankenhäuser her. Ende September 2000 wurde die Firma aufgegeben und an die Christine Oevermann GmbH übergeben. Diese hielt ihre Fabrikation allerdings nur ein Jahr aufrecht, ehe auch sie im August 2001 ihren Betrieb wieder einstellte.

Potenzial für Veranstaltungen

Anfang 2002 kaufte Harald Zimmermann, Inhaber des Schwetzinger Kaffeehauses, das Gebäude. Seit dem Kauf diente ihm der leerstehende alte Tanzsaal im Winter als Stuhllager für die Sommermöbel seiner Schlossplatz-Gastronomie. Zimmermann entdeckte das Potenzial des Standortes und baute das Gebäude komplett zum Veranstaltungshaus um. Die Eröffnung der Alten Wollfabrik, wie wir sie heute kennen, erfolgte im April 2008.

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