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Gert Häusler macht sich im Stau auf der Brücke seine Gedanken

Dies soll jetzt übrigens ein vollkommen virusfreier Text sein: Wenn man über die Rheinbrücke von Mannheim nach Ludwigshafen fährt, erlebt man zwei Routinen. Nach Überqueren des Rheins erfolgt über die erste Ausfahrt eine Umleitung zu weiteren Zielen in der Pfalz. Zum anderen steht man vorher auf der Brücke mitten auf dem Rhein sehr oft im Stau.

Das gibt Gelegenheit für einen Blick auf die Umgebung und Zeit, die Gedanken schweifen zu lassen. Hat man vorher das Mannheimer Schloss aus diesem Blickwinkel schon gesehen, sind es jetzt die Brückenbaustelle, alte und neue Hochhäuser oder die Rhein-Galerie auf der Ludwigshafener Seite.

Steht man unbeweglich nun zwischen Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz im Niemandsland oder ist man gerade direkt auf der Grenze? Uns umgeben ja viele Grenzen. Neben den politisch-geografischen, sind es die ethisch-moralischen. Es gibt Leistungsgrenzen, Ober- oder Untergrenzen und viele andere mehr.

So unterschiedlich wie diese Grenzen sind auch die Menschen, die sich immer wieder als sogenannte Grenzgänger dazwischen bewegen. Arbeitnehmer, die aus dem Elsass oder der Schweiz täglich nach Deutschland kommen, bezeichnet man als Grenzgänger, so wie auch ihre deutschen Kollegen, die in die umgekehrte Richtung pendeln. Für anerkannte Grenzgänger gelten spezielle Steuer- und sozialversicherungsrechtliche Regelungen.

Andere Grenzen finden sich in der Kunst, wobei der Verlauf zwischen „Kunst & Krempel“ genauso fließend ist, wie zwischen „E- und U-Musik“. Ernster kann es mit den Grenzen bei der Persönlichkeitsbildung aussehen: In der Psychologie bezeichnet man Grenzgänger als extrem risikobereite Menschen, die sich mit „Abenteuern“ bevorzugt an der Grenze zwischen Leben und Tod bewegen. Bei einigen krankhaften Verläufen sprechen die Fachleute von einer Borderline (Grenzlinie)-Persönlichkeitsstörung, die meist psychotherapeutisch und mit Medikamenten behandelt wird.

Für ein harmonisches und soziales Miteinander ist es aber auch wichtig, die „unsichtbaren“ Grenzen zu kennen und zu beachten, die sich aus Traditionen und gemeinsamem Verständnis ergeben. Permanente „Grenzüberschreiter“ schaden nicht nur der Gesellschaft, sondern wirken meist auch selbst nicht sehr ausgeglichen und zufrieden.

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