Schwetzingen

Kreisarchiv Krieg der Zwerge und der Riesen / Satirische Karten und Karikaturen zum Thema „Europa am Vorabend des Ersten Weltkriegs“

Ungewöhnlicher Blick auf Historie

Kreis.Im Kreisarchiv in Ladenburg ist noch bis Freitag, 24. August, eine beeindruckende historische Entdeckungsreise zu erleben. Zusammen mit der „Associazione culturale Giovane Europa“ präsentiert dort der Rhein-Neckar-Kreis die Ausstellung „Satirische Karten und Karikaturen – Europa am Vorabend des Ersten Weltkriegs“, die von der Europäischen Kommission mit in das europäische Kulturerbe-Jahr 2018 aufgenommen wurde.

Schon dies allein unterstreicht die hohe Qualität des gezeigten Bildmaterials – der fast prophetische Blick der Künstler, die ihre Arbeiten im frühen letzten Viertel des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts schufen, verblüfft, die auf die Spitze getriebenen Vorurteile bestürzen. „Angesichts eines latent wachsenden, populistisch beschworenen Nationalismus in Europa und der drohenden Abkehr von multilateralen, europäischen Gemeinsamkeiten, hat diese Ausstellung eine sehr deutliche Aktualität“, stellte der Kulturdezernent des Kreises, Hans Werner, bei der Vernissage fest.

Keine offizielle Propaganda

Bei den gezeigten humoristischen Landkarten und Zeitschriftenkarikaturen handelt es sich nicht um die offizielle Propaganda einzelner Länder, erläuterte die Präsidentin der „Associazione culturale Giovane Europa“, Dr. Maria Brandozzi, die zusammen mit Ehrenpräsident Gianni Brandozzi aus dem italienischen Ascoli Piceno angereist war. Vielmehr versuchten politisch engagierte Karikaturisten, Grafikkünstler und Zeitungsredakteure aus England, Frankreich, Deutschland und der Schweiz, heikle geopolitische Situationen, nationale Eigenheiten und symbolträchtige Personen in mehrdeutigen Darstellungen zu verbinden und mit ironisch-demaskierender Satire den Zeitgenossen vor Augen zu halten.

Das Tohuwabohu der damaligen Zeit spiegelt beispielsweise eine Karte von 1887 aus Zürich wider. Sie zeigt Russland als Pulverfass, Frankreich, das nach Revanche ruft, dazwischen den kanonenstarrenden deutschen Kaiser, allein die Schweiz als stacheliger Igel ist im Bild ein ruhender Pol.

Es ist schon erstaunlich, was diese alten Karten und Bilder als kleine Fenster in die Vergangenheit an Vorurteilen, nationalen Befindlichkeiten und vermuteten Eigenschaften aufzeigen. Die komischen Karten – das war eine andere Bezeichnung für dieses Sujet der Kunst – dienten den Menschen auf eine belustigende, durchaus aber auch kritische Art dazu, sich über die politischen und kriegerischen Zustände in Europa oder auf der Welt zu informieren.

Als Betrachter muss man einerseits den Scharfsinn bewundern, auch wenn einem andererseits, nicht zuletzt aufgrund der dramatischen Entwicklungen und der furchtbaren Erfahrungen des unmenschlichen Krieges, das Schmunzeln auch vergehen kann. Auf jeden Fall gewahren die mit großen künstlerischen Fertigkeiten erarbeiteten Anspielungen und Bildzitate einen unmittelbaren Einblick in die Gedankenwelt dieser Epoche. Sie helfen, die Irrwege jener Jahre zu verstehen, und mahnen, die Errungenschaften eines vereinten Europas nicht aufs Spiel zu setzen, wie Maria Brandozzi feststellte.

Die Arbeiten werden ergänzt durch großformatige Repros, die den Detailreichtum der Bilder erst richtig sichtbar machen. Überhaupt muss man viele Bilder mehr als einmal betrachten, um die Vielfalt der Einzelheiten zu erkennen.

Dabei besteht die Ausstellung eigentlich aus drei Blöcken. Der erste, den Giovanni Brandozzi ergänzend erläuterte, zeigt eine Auswahl humoristischer Landkarten, die im Zeitraum zwischen 1870 und 1915 von wichtigen Karikaturisten (unter anderen Paul Hadol, Fred William Rose oder John Henry Amschewitz) an verschiedenen europäischen Verlagsorten geschaffen wurden. In einem zweiten Teil sind die filigranen Arbeiten der englischen Künstlerin Lilian Lancaster (seit 1884 verheiratete Tennant) ausgestellt.

Symbole für die Charaktere

Der dritte Themenblock beschäftigt sich mit den bissigen Karikaturen der beiden in Bologna aufgelegten satirischen Illustrierten „La Ranag“ („Der Frosch“, von 1865 bis 1912 erschienen) und „Il Papagallog“ („Der Papagei“, von 1873 bis 1915), die auch außerhalb Italiens auf große Resonanz stießen. Zu sehen sind viele Arbeiten von Augusto Grossi, dem es über 42 Jahre gelang, die aktuellen Brennpunkte, die die italienische und europäische Politik boten, zunutze zu machen und seine Größe als Karikaturist und seinen Scharfsinn als Journalist zu zeigen.

Wer also sehen möchte, wie der russische Zar und der gallische Hahn zusammen mit Marianne den deutschen Stier piesacken, sich die Länder des Balkan belauern und Großbritannien als Flottenschiff bereitsteht („Europe en 1914“ von B. Crite), sich alle Länder als angriffslustige Tiere belauern und von Osten die russische Dampfwalze kommt („Hark! Hark! The dogs do bark!“, London 1914), oder der deutsche Adler von der französischen Marianne und dem russischen Bär bedroht wird, der den österreichischen Clown schon zu Fall gebracht hat, während in Kleinasien ein deutscher Soldat einen Türken aufs Pulverfass setzt („Europa-Revue“ 1914 von John Henry Amschewitz), der sollte den Weg ins Kreisarchiv nicht scheuen.

Dort kann er dann auch einen ganz neuen Blick auf den Wiener Kongress werfen, den Augusto Grossi 1873 als „Kongress der Köche in Wien“ mit köstlichen Details gesehen hat. Vom gleichen Künstler stammt „Der Krieg der Zwerge gegen den Riesen“, bei dem 1874 Kaiser Wilhelm und Bismarck mit Papierfliegern beworfen werden.

Lustig sind die von Lilian Lancaster unter Verwendung nationaler Stereotypen geschaffenen Bilder europäischer Länder, denen sie alle anthropomorphe Züge verlieh: Großbritannien wird als Queen Victoria dargestellt, Schottland als Dudelsackspieler, Frankreich – die Kaiserin der Küche, der Mode und des Balletts – als hakennasige Schönheit, Italien stimmt mit der Gestalt des martialisch wirkenden Giuseppe Garibaldi im roten Hemd und Räuberhut überein, der gerade den (kleinen) Papst Pius IX. verprügelt, der die Form von Sardinien hat.

Auf Reise durch Europa

Die sehenswerte Ausstellung wurde im Zuge der EU-Präsidentschaft Italiens erarbeitet und machte seither in mehreren europäischen Zentren (unter anderem in Brüssel und Helsinki) Station. Die gezeigten Exponate stammen alle aus der Privatsammlung von Gianni Brandozzi, mit dem das Kreisarchiv vor zwei Jahren bereits die große Ausstellung „Europa in alten Landkarten“ realisiert hatte. Schon damals war die Publikumsresonanz beachtlich, was man der neuen Schau ebenfalls nur wünschen kann. Anschließend wird sie im slowenischen Tolmin zu sehen sein. zg

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