Schwetzingen

Theater am Puls Ein Film zeigt das „Ensemble in der Krise“ / Zwischen legitimem Zeitverplempern und Hartz-IV-Anträgen

Unterhaltung – mit Ästhetik

Was machen Theatermacher, wenn sie kein Theater machen dürfen. Das zeigt ein Film, der auf der Homepage des Theaters am Puls (TaP) abrufbar ist.

Am 13. Mai schlossen die Theater in Deutschland. Auch das TaP stellte wegen der Corona-Pandemie seinen Spielbetrieb ein (wir berichteten mehrfach). Seitdem läuft bei der Kultureinrichtung am Ende der Marstallstraße alles anders als geplant. Wie das Leben der Theaterleute derzeit aussieht, zeigt der 90-minütige Film „Ensemble in der Krise“, der beim Regionalsender Rik-TV gezeigt wurde und auf der TaP-Homepage steht.

Christoph Kaiser, Beate Krist, Hartmut Lehnert, Jana Kühnle und Laura Kaiser sitzen zu Hause. Caroline Werk, Michael Hecht, Sandra Lühr, Nikolas Weber, Susan Horn und die anderen grüßen auch aus den eigenen vier Wänden. Daniele Veterale trinkt dabei Bier, Denis Bode isst Chips und Gerold Welch richtet seine Zimmerpflanze aus. Sie erzählen, wo und wann sie zuletzt gespielt haben, welches ihre Lieblingsstücke sind und was eigentlich gerade auf dem Spielplan stehen sollte. Titelrollen und kleinere Parts. Komödien und Dramen.

?Wie geht es den Theatermachern seit dem 13. Mai?

Sie haben sehr viel Zeit. Machen Steuererklärungen, renovieren Zimmer. Manchmal holen sie sich das Drama auch nach Hause. Sie üben Cello und lesen Bücher. Sie sprechen mit ihren Tieren, was sie aber auch vorher schon gemacht haben. Backen, mit Kopfhörern in der Sonne liegen, im Garten arbeiten, den Vögeln zuhören, Mund-Nase-Masken nähen – auch das geht ganz gut. Ebenso Musik machen und den Haushalt schmeißen. Oder Zockerspiele am Computer. Die Gefühle sind auf einer Achterbahn. „Als Schauspieler muss man vor allem lügen können“, erfahren wir von Daniele Veterale mit einem Augenzwinkern.

?Wie sieht es eigentlich mit den Finanzen aus?

Die Sofort-Hilfe des Landes kam an. Nur, wie geht es die nächsten Monate weiter? Für einige ist die Situation „dürftig“, für andere „richtig Kacke“. Das Ersparte wird immer weniger bei hundert Prozent Verdienstausfall. Wenn alles abgesagt ist, merkt das der Schauspieler ganz schnell am Geldbeutel. Essen und Versicherungen müssen bezahlt werden. Und wenn die Reserven zur Neige gehen, macht das schon richtig Angst. Wer erst am Anfang seines Berufes ist, konnte noch nicht so viel erwirtschaften. Zum Glück gibt es die Künstlersozialkasse. Und Eltern, die in das Künstlerleben des Nachwuchses investieren. Kein schönes Gefühl, wenn man Hartz IV beantragen muss.

?Kann man der Corona-Krise überhaupt etwas Positives abgewinnen?

Nein. Ja. Vielleicht. „Legitim Zeit zu verplempern“ sei doch auch was. Oder die verstaubte Instrumentenecke wiederentdecken. Beim Rausgehen Ruhe empfinden. Dinge schätzen lernen, die sonst selbstverständlich waren. Die eigene Familie treffen.

?Warum ist Theater eigentlich wichtig?

Es unterhält mit Ästhetik. Es lenkt ab. Es berieselt und inspiriert. Es macht Angst und bietet Atmosphäre. „Theater funktioniert für sich und ist mit nichts zu vergleichen“, heißt es in dem TaP-Film: „Theater ist systemrelevant, es behandelt wichtige Themen, Theater bringt Menschen zusammen und zum Lachen.“ Auf den Punkt: „Theater ist Lebensmittel, also ein Grundbedürfnis.“ Im Land der Dichter und Denker sind also auch die kulturellen Institutionen gerade die Leidtragenden.

Was halten die Theaterleute von den Streams?

Es ersetzt auf keinen Fall den Live-Charakter. „Es hat ein bisschen was von Cyber-Sex ohne Anfassen“, ist zu hören: „Im Theater werden ganz andere Sinne angesprochen, trotzdem sind die Streams eine gute Möglichkeit, aktiv zu bleiben.“ Ein Leben ohne Bühne kann sich niemand vorstellen, beim besten Willen nicht. Zum Schluss geht der Dank an den Freundeskreis und die Zuschauer für alle Spenden, die eingegangen sind. „Das zeigt, dass wir euch wichtig sind“, meint das Ensemble. Kopf hoch, bis bald, spätestens im Oktober. Alles geht vorbei, auch diese Krise.

?Wie geht es jetzt weiter mit dem Theater?

Derzeit ist Sommerpause. Wie es in der neuen Spielzeit weitergeht, weiß noch keiner. Geplant ist die „Hamlet“-Premiere für den 3. Oktober. Ob sie stattfinden kann, steht noch in den Sternen.

Der sehenswerte Film über das Künstlersein bleibt weiter auf der TaP-Homepage abrufbar. Die Zuschauer dürfen lachen, weinen, nachdenken – und die Künstler unterstützen. Dank der vielen Spender konnten im März und April die Gagen ausgezahlt werden.

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