Schwetzingen

Im Interview Hans-Peter Hammes will die Volkskrankheit ins Gespräch bringen / Lions-Club engagiert sich für die Prävention und Behandlung von Diabetes

Viel bewegen und gesünder ernähren

Archivartikel

Typ 1, 2, 3 oder 4 – die Blutzuckerkrankheit Diabetes kann viele treffen. Erkrankte müssen ihren Blutzuckerspiegel im Blick behalten und oft Insulin spritzen. Wenn die Diagnose rechtzeitig gestellt wird, ist der Alltag gut möglich. In Schwetzingen hätte eine Aufklärungskampagne vom Lions Club zu diesem Thema stattfinden sollen. Wegen der Corona-Pandemie geht das nicht. Zum Weltdiabetestag an diesem Samstag, 14. November, hat Lions-Präsident Professor Dr. Hans-Peter Hammes, ein Spezialist auf diesem Gebiet, nun Fragen über die Arten und Therapieformen von Diabetes beantwortet.

Dr. Hammes, 2017 waren 422 Millionen Menschen weltweit an Diabetes erkrankt. Für 2040 werden 640 Millionen Menschen mit Diabetes vorausgesagt. In Deutschland erkranken täglich über 1500 Menschen an der Zuckerkrankheit, 12,4 Menschen sind es aktuell. Ist es eine Volkskrankheit?

Hans-Peter Hammes: Diabetes ist schon länger als eine Volkskrankheit anerkannt. Sich in diesem Bereich zu engagieren, war für den Lions Club sicher dadurch getrieben, dass wir inzwischen von einem regelrechten Tsunami von Neuerkrankungen ausgehen müssen. Die Lions engagieren sich bei den Gesundheitsprogrammen – im Wesentlichen in Bereichen wie dem Sehen. Da geht es drum, unterstützend zu wirken wie zum Beispiel bei der Einrichtung einer Hornhautbank. Bei Diabetes ist es anders. Da möchte man nicht bei der Therapie helfen, sondern man will vorbeugen, die Krankheit Diabetes und ihre Folgen mehr ins Bewusstsein der Menschen rücken und sie darauf aufmerksam machen, wie gefährlich diese Krankheit werden kann. Bei jener Prophylaxe greifen die deutschen Gesundheitssysteme überhaupt nicht. Deswegen ist das Lions-Programm auch in Deutschland aktiv von uns aufgenommen worden, weil wir Lions hier nachhaltiger helfen wollen.

Seit wann gibt es dieses Projekt?

Hammes: Seit 2017. Damals wurde Dr. Nagesh Aggarwal, Präsident einiger Wirtschaftsunternehmen in Indien, Präsident von Lions International. Auf dem Subkontinent und und in den arabischen Ländern nimmt Diabetes tsunamiartig zu. Deshalb wollte man als Nichtregierungsorganisation helfen und hat sich mit der WHO und der internationalen Diabetesfederation eine Nachhaltigkeitsstrategie überlegt – dazu zählen neben dem Augenlicht die Katastrophenhilfe und der Umweltschutz. Es ist eins der Nachhaltigkeitsprojekte, die es bei Lions gibt.

Was ist denn Diabetes?

Hammes: Jede Form der Blutzuckererhöhung.

Es gibt verschiedene Formen von Diabetes. Welche sind das?

Hammes: Man unterscheidet vier große Gruppen. Da ist zunächst Diabetes bei Kindern und Jugendlichen, die wegen einer Zerstörung der entsprechenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse lebenslang Insulin brauchen. Die mit Abstand größte Gruppe ist aber der Typ-2-Diabetiker. Das sind Menschen, bei denen oft – aber nicht immer – Übergewicht den Diabetes mit auslöst. Genau bei dieser Form des Diabetes setzt das Lions-Programm an. Mit der Partnerorganisation Deutsche Diabeteshilfe will man gemeinsam zur Prävention dieses Typs beitragen. Zudem gibt es den Typ-3-Diabetes. Das ist eine zum Teil genetisch, zum Teil durch Medikamente hervorgerufene Form der Krankheit. Man kann zum Beispiel durch Cortison Diabetes bekommen. Und beim Typ-4-Diabetes handelt es sich um spezielle Schwangerschaftsdiabetes.

Wie genau bekommt man Diabetes? Was sind die Risikofaktoren?

Hammes: Da wären das Alter, die körperlichen (In-)Aktivitäten, der Blutdruck oder die (Fehl-)Ernährung. Wie viel Fleisch isst man? Wie viel Kaffee trinkt man, wobei Kaffee nicht zwingend schädlich ist. Rauchen und Übergewicht kommen als zusätzlich Risikofaktoren hinzu. Diese Faktoren gehen in eine Berechnung ein und man kann diese für sich selbst auf der Internetseite: https://www.diabetesde.org/risikotest prüfen. Da kann jeder selbst testen, ob er in der Gefahr steht, Diabetiker zu werden. Jeder Mensch kann sich eine Anleitung dafür holen, bei sich die Prävention zu stärken. Aber machen muss der Gefährdete dann alles letztlich auf eigene Faust. Also, raus in die Natur – dreimal mal 30 Minuten pro Woche sind das Minimum. Mehr bewegen, als man sich bislang bewegt hat, das ist die Grundlage und der Anreiz.

Wer sind die Risikogruppen?

Hammes: Diejenigen, die sich weniger gesund ernähren, also fettreich essen, sind besonders gefährdet: Viel Fleisch, viel Salz und vor allen Dingen Fast Food und Fertigprodukte befördern die Zuckerkrankheit. Jeder kennt es, aber wer geht schon bei der Ernährung „nachhaltig“ mit sich um in Bezug auf Ausgewogenheit, Angemessenheit, Muße beim Essen, und so weiter.

Kann man denn zur Vermeidung von Diabetes einiges tun?

Hammes: Man sollte bewusst leben und achtsam essen. Aufmerksam mit dem umgehen, was man gerade zu sich nimmt. Man sollte sich nicht ablenken lassen, also bitte immer das Handy beim Essen weglegen. Man kann sich beim Essen Zeit nehmen. Und man sollte sich ausreichend bewegen.

Was sind denn Symptome, die zuerst auf Diabetes hindeuten? Wie erkenne ich, ob ich Diabetes habe?

Hammes: Zu Beginn des Typ-2-Diabetes (Altersdiabetes) deutet oft gar nichts drauf hin. Wenn man Beschwerden hat, dann ist die Krankheit meist schon relativ weit fortgeschritten. Dann sollte man zum Arzt gehen. Man kann es an drei wesentlichen Symptomen erkennen: Man hat sehr viel Durst, muss sehr viel Wasser lassen und verliert Gewicht. Bei diesen Symptomen ist die Krankheit aber schon sehr weit fortgeschritten. Das Heimtückische an Typ-2-Diabates ist, dass der Beginn symptomlos verläuft.

Wie gefährlich kann denn Diabetes werden?

Hammes: Diabetes ist ein großer Killer. Es geht Lebensqualität verloren. Je jünger man ist, wenn man einen Diabetes entwickelt, desto mehr Lebensjahre gehen verloren. Deshalb ist es so notwendig, dass man darauf aufmerksam macht und betont, dass Diabetes keine harmlose Sache ist. Ohne ein Schreckensszenario zu entwerfen, aber eine rechtzeitige Diagnosestellung verhindert, dass sich Organschäden entwickeln. Man muss eventuell an die Blutwäsche, es drohen Amputationen oder Erblindungen. Diabetes kann große Einschränkungen mit sich bringen.

Zwei Millionen Deutsche wissen nicht, dass sie Diabetes haben. Warum ist das so?

Hammes: Weil Typ-2-Diabetes im Frühstadium keine Symptome zeigt. Gefährlich ist es, wenn der Diabetes über eine längere Zeit unerkannt bleibt. Ein Risikopatient, der sich selbst durch den Test als solcher erkennen kann, sollte ärztlichen Rat in Anspruch nehmen. Ein erster wichtiger Schritt ist, darüber zu sprechen.

Ist das mit ein Grund, warum Diabetes oft acht bis zehn Jahre zu spät diagnostiziert wird?

Hammes: Es gibt zahlreiche Gründe, die für eine verspätete Diagnose verantwortlich sein können, einer ist, dass es kein Bewusstsein fürs Risiko gibt. Dem wollen wir entgegenwirken.

Sind Männer gefährdeter als Frauen?

Hammes: Es gibt immer mal wieder Hinweise, dass Männer gefährdeter sein sollen, aber wissenschaftlich ist das nicht erwiesen. Was Komplikationen angeht, ist der Diabetes gleichermaßen für Männer und Frauen gefährlich.

In einer veröffentlichten Tabelle der Weltgesundheitsorganisation steht Deutschland relativ gut da im Vergleich zu anderen Nationen. Kann man behaupten, dass Deutsche gesünder leben?

Hammes: Nein. Deutschland ist auf einem guten Weg, die anderen Nationen einzuholen. Deutschland hat gravierend zugelegt in den vergangenen Jahren. In Europa sind wir relativ weit vorne. Nach einer OECD-Studie gibt Deutschland elf Prozent des Bruttosozialprodukts für Adipositas und Diabetes aus. Das ist eine teure Krankheit für uns alle. nwy

Info: Zum Weltdiabetestag geht die Aufklärungskampagne der Lions ins Netz: Interessierte können unter https://www.diabetesde.org/weltdiabetestag die gesamte Aktion mitverfolgen.

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