Schwetzingen

Arbeitskreis freundliches Schwetzingen Vortrag über die Opfer der NS-Euthanasie / „Verlegung in andere Anstalt“ bedeutete Mord

„Völkisches Erbgut“ sollte gepflegt werden

Referent Frank-Uwe Betz sprach bei einer Veranstaltung des Arbeitskreises freundliches Schwetzingen (AfS) sowie der Gewerkschaften ver.di und GEW Rhein-Neckar über den Hintergrund des NS-Mordprogramms. Es richtete sich, wie es in einer AfS-Pressemitteilung heißt, vor allem gegen als psychisch krank oder geistig behindert eingestufte oder als „rassisch minderwertig“ stigmatisierte Personen.

Realisiert worden sei es laut Betz zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Die Täter bezeichneten dem Referenten zufolge die Tötung euphemistisch als „Behandlung“. Ein Schreiben Hitlers, rückdatiert auf den 1. September 1939, sollte dazu ermächtigen, angeblich „unheilbar Kranken“ den „Gnadentod“ zu gewähren. Über Tarngesellschaften wie die „Reichsarbeitsgemeinschaft Heil- und Pflegeanstalten“ wurde das Programm umgesetzt.

Die zunächst 1940/41 von ärztlichen „Gutachtern“ anhand von Meldebogen der Anstalten zur Tötung Bestimmten wurden in Gasmordanstalten umgebracht, später auch auf andere Weise. Die Mordaktion wurde zu späterer Zeit nach der Adresse ihrer Zentralstelle in Berlin, Tiergartenstraße 4, „Aktion T4“ genannt. „Damit sollte verborgen werden, dass dahinter die Kanzlei des Führers steckte“, so Betz. Die Massenmorde wurden geheim ausgeführt, heißt es in der Pressemitteilung, sie blieben aber nicht verborgen. Es kam zu Protesten seitens Justiz und Kirchen. Offiziell wurden die Morde daraufhin gestoppt. Doch in organisatorischer Hinsicht wurden die „Euthanasie“-Organe bald per Gesetz scheinbar legalisiert, der „Reichsbeauftragte für die Heil- und Pflegeanstalten“ wurde offiziell eingeführt.

Anhand von fünf Einzelfällen veranschaulichte der Referent das Vorgehen von Behörden und anderen gegen „Kranke“. Zunächst ging es um die Geschichten der Schwestern Maria und Alma Berlinghof aus Plankstadt. Zu den Methoden der vermeintlichen Optimierung des „völkischen Erbguts“ sollten auch die Zwangssterilisierungen dienen.

Mädchen zwangssterilisiert

Maria Elisabetha Berlinghof war 1934 elf Jahre alt, als Medizinalrat Dr. Rose, nach einer Meldung des Kreisschulamts Heidelberg, beim „Erbgesundheitsgericht“ in Mannheim Antrag auf Unfruchtbarmachung der Schülerin stellte. Es war ihr Vater, der Fabrikarbeiter Rudolf Berlinghof, der auch gegen die Ärzte am Ort für seine Tochter kämpfte. Unfruchtbar gemacht werden sollte auch Marias Schwester Alma Berlinghof, zum Zeitpunkt der Antragstellung sechs Jahre alt. Auch das Verfahren gegen sie wurde zunächst eingestellt. 1937 wurden sie in der Anstalt Mosbach untergebracht. Von dort aber wurden die Schwestern am 17. September 1940 nach Grafeneck deportiert und dort am selben Tag ermordet.

Hadamar und Grafeneck

Vom Schrecken einer Verschleppung, einem „Sondertransport (Aktion T4)“ zeugt der Bericht Lina Schönigs aus Plankstadt, den Betz vorstellte. Sie und mit ihr alle 579 in Rastatt Verwahrten wurden nach Zwiefalten gebracht, 500 davon 1940 in Grafeneck ermordet. Lina Schönig starb dort gewaltsam am 31. Mai 1940, im Alter von 34 Jahren. Adam Roßrucker (1885) und Anna Daub (1876) aus Schwetzingen – unter dem Vorwand „bes. planwirtschaftlicher Massnahmen in eine andere Anstalt verlegt“ – wurden 1941 in Hadamar umgebracht.

Betz nannte zu den NS-„Euthanasie“-Opfern in der Region folgende Zahlen: In Grafeneck ermordet wurden 1940 aus Schwetzingen zehn bis 13 Personen, fünf Frauen und bis zu acht Männer. Vier der sieben nachweisbaren Hadamar-Opfer aus Schwetzingen waren Frauen, darunter Maria Faulhaber (in Brühl geboren), drei Männer. Fünf Personen davon wurde 1941 und je eine wurde 1943 und 1944 in Hadamar ermordet. Aus Brühl sind eine oder zwei Frauen und ebenso viele Männer als Grafeneck-Opfer bekannt. Zwei Frauen und ein Mann gehörten zu den in Grafeneck Ermordeten aus Ketsch, darunter Peter Keilbach. Ebensoviele waren die Grafeneck-Opfer aus Oftersheim, so Anna Baust. Insgesamt fünf Frauen und drei Männer sind als in Grafeneck- Ermordete aus Plankstadt zu verzeichen, so Heinrich Wacker. Sieben Menschen aus Hockenheim zählen zu den Todesopfern, so Anna Stegmüller. Mittlerweile wird die Gesamtzahl der Todesopfer der NS-„Euthanasie“-Verbrechen laut Betz auf bis zu 300 000 geschätzt.

In der Diskussion wurde erkennbar, dass eine Reihe der Besucher mit dem Thema vertraut war. Ein Besucher war ein Bruder der ermordeten Selma Herze aus Plankstadt. Sie sei „an Lungenentzündung gestorben“, schrieb man der Familie. Stefan Krusche berichtete davon, wie wichtig es für ihn war, trotz körperlichen Handicaps eine normale Schule besuchen zu können. Das war seinerzeit noch nicht vorgesehen. Doch habe geholfen, dass sein Vater mit ihm zu einem Rektor ging, als es um die Einschulung ging. Diesen konnte er dadurch überzeugen, dass er sich selbst bereits das Lesen der Tageszeitung beigebracht hatte, schließt die AfS-Pressemitteilung. fub

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