Schwetzingen

„Aufbruch 2016“ Die Wiederkehr des hässlichen Deutschen

Vom Schuldstolz

„Wie ein Phönix ist die Bundesrepublik in der Nachkriegszeit aus der Asche des Dritten Reiches emporgestiegen“, schreibt der Philosoph und Religionswissenschaftler Hans-Georg Moeller zu Beginn seines Artikels „Der Nationalismus des verweigerten Nationalismus“ in der „Neuen Zürcher Zeitung“. Pressereferent Dr. Gunter Zimmermann fasst die Überlegungen des Gelehrten in einem Referat auf einer Sprecherratssitzung von „Aufbruch 2016“ zusammen.

Das Wirtschaftswunder der 1950er Jahre hätte laut Moeller der Bundesrepublik zwar einen erstaunlichen Wohlstand beschert, doch sei das Ansehen des deutschen Volkes durch die Nazi-Vergangenheit hoffnungslos beschädigt gewesen. An diesem Punkt habe die Praxis der Erinnerungskultur, symbolisiert etwa durch das Holocaust-Denkmal im Zentrum von Berlin, eingesetzt, um einen neuen Nationalstolz zu kreieren. Erinnerung bedeute im Kern, etwas Äußerliches zu verinnerlichen und etwas Objektives subjektiv zu machen. Dadurch sei es möglich, sich das Erinnerte anzueignen.

Im Falle der Bundesrepublik sei die Identitätsbildung paradoxerweise nicht durch einen legitimen Stolz auf außerordentliche Errungenschaften erreicht worden, sondern durch die Akzeptanz einer eigentlich unakzeptablen Schande und das Eingeständnis einer uneingestehbaren Schuld gelungen. „Schuldstolz ist der moralische Stolz darauf, die Kraft zu haben, die größtmögliche Schuld zu verinnerlichen und sich mit der Verantwortung dafür zu identifizieren“, zitiert der Referent.

„Nur wir wagen zu erinnern, was niemand zuvor zu erinnern gewagt hat. Nur wir übernahmen Verantwortung dafür, wofür niemand je Verantwortung übernahm. Wir verdienen es, der Welt als moralisches Leitbild zu dienen.“ In allen anderen europäischen Ländern werde dies als unfruchtbar angesehen, was die gegenwärtigen massiven Spannungen zwischen der Bundesrepublik und ihren Nachbarn erkläre. Das Bestreben der deutschen Politik, den Schuldstolz in traditioneller Art und Weise zur europäischen Einstellung zu machen, stoße auf den vehementen Widerstand der anderen europäischen Nationen. Dass Polen, Ungarn oder Tschechen den deutschen Schuldstolz nicht übernehmen wollen, erscheine aus der Sicht der deutschen Politik skandalös. Darum sei in diesen Tagen ein Phänomen zu beobachten, dass man eigentlich überwunden glaubte: die Wiederkehr des hässlichen Deutschen. zg

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