Schwetzingen

Hildacafé Märchenerzählerin Samiya Bilgin erfreut die Besucher mit Hintergründen und fragt sie nach ihren Lieblingsgeschichten / Gut und Böse gab’s früher gar nicht

Was ist eigentlich der Hintergrund von Frau Holle?

„Aufgrund ihres ausgezeichneten Rufes als Märchenerzählerin steht Samiya Bilgin schon länger ganz oben auf unserer Wunschliste“, sagte der Diakonieverein-Vorsitzende Ulrich Kirchner in seiner Eigenschaft als Programmgestalter im Hildacafé und begrüßte die bekannte Schwetzinger Lehrerin.

In der Tat hatte sie einen großen Märchenschatz mitgebracht. Beim reinen Erzählen von Märchen blieb es allerdings nicht. Sehr originell beteiligte sie ihr Publikum aktiv bei deren Lieblingsmärchen, was sich als wahrer Glücksgriff erwies. Voller Elan berichtete Charlotte Ell aus ihrer Jugendzeit, als sie mit ihren Geschwistern oft das Rumpelstilzchen nachspielte und dabei ständig die Akteure wechselten. Renate Vogt schwärmte von den Bremer Stadtmusikanten. Gabi Schildhorn berichtete von der Prinzessin auf der Erbse und Trudel Klein vom Froschkönig als ihrem Lieblingsmärchen.

Sehr fundiert erklärte Samiya Bilgin den tieferen Sinn und die Lehren dieser Märchen. „Gut und Böse gab es in Urversionen dieser Märchen übrigens nie, und viele der Erzählungen hatten eigentlich den Sinn, Trost zu spenden, wie auch die Kraft, dass es in schlechten Zeiten irgendwie weitergeht“, erläuterte Bilgin anschaulich.

Nach der Kaffeepause, die die fleißigen Damen der Freiwilligenagentur mit leckeren, selbst gebackenen Kuchen verfeinerten, war die Erzählerin mit dem Märchen von Frau Holle selbst in ihrem Element. Unwissend werde Frau Holle oft als die Mutter der Hölle und des finsteren Ortes der Toten und Vergessenen, bezeichnet. In Wirklichkeit sei sie jedoch die Frau des Lichts, der Helligkeit. Sie ist es, die das Mädchen dort unten, in den Tiefen des Brunnens oder doch im Himmel, von wo der Schnee fällt, empfängt.

Der Brunnen war seit jeher jene Wasserstelle, in der die Seelen auf ihre Wiedergeburt warteten. Dort auch verabschiedeten sich die alten Seelen vom Körperkleid. Beide empfängt Frau Holle in ihrem Reich hinter der grünen Wiese mit den vielen Blumen und dem Sonnenschein. Auch dort, in der Jenseitswelt, gebe es etwas zu tun. Das Brot aus dem Ofen holen, ist nur eine Aufgabe. Der Ofen, Sinnbild des Schoßes, der Brotleib wie ein kleines Neugeborenes, das Mädchen wird zur Hebamme. Sie hebt den Ahnen in das neue Leben. So wird Marie die Amme der Ahnen, der Enkel, kleine Ähnchen, wie sie heißen. Auch der Apfel, jene heilige Frucht der alten Zeiten, die erst, und viel später mit dem Sündenfall in Verruf geraten ist, spielt eine wichtige Rolle bei Frau Holle.

Kontakt zu den Ahnen

Dann kam das Bettenschütteln. Früher pflegte man den Kontakt zu den Ahnen. Besonders im November, wenn sich die Tore zur Anderswelt öffnen, weil sie das Wetter machen. So wusste man es. Heute hat man das vergessen und überlässt das Wetter anderen Kräften. Am Ende des Vortrages werden die beiden Mädchen aus dem Gut-und-Böse-Korsett befreit und outen sich als die zwei Seiten jeder Menschengestalt. Wie wir alle zweiseitig sind und mit unserem Lebensfaden getreulich unser Tagwerk verrichten, bis einmal der Faden abgeschnitten wird.

Großer Applaus für Samiya Bilgin begleitete die Dankesworte von Ulrich Kirchner, der freudig ankündigte, dass es im kommenden Jahr ein Wiedersehen geben wird. Dann als „Kräuterweiblein“ mit viel Wissen über Heilpflanzen und gesunde Kräuter und Gewürze. Mit Sicherheit werden dann Ann-Sofie und Klaus Holland wieder unter den Besuchern sein, denn sie waren begeistert von dem wunderschönen Märchennachmittag. rie

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