Schwetzingen

Volkshochschule Dr. Zimmermann zieht Vergleich mit Grundgesetz

Weimarer Verfassung war besser als ihr Ruf

Archivartikel

Allgemein gilt die Weimarer Verfassung als eher schwach. Sei es ihr, so Dr. Gunter Zimmermann während seines Vortrages zum Vergleich mit dem Grundgesetz in der Volkshochschule, doch nicht gelungen, die politischen Kräfte zu zähmen und zu bündeln. Für den Historiker ein Urteil, das zu kurz greife. Für ihn gilt die Formel, die Weimarer Verfassung gut in einer schlechten Zeit. Auch dem Grundgesetz wäre es in 1919 und den Folgejahren nicht gut ergangen, sagt er. Im Gegenteil, in einzelnen Aspekten sei die Weimarer Verfassung kraftvoller gewesen als das Grundgesetz.

Ein Vergleich der beiden Verfassungen ist ambitioniert, weil die Ausgangslage kaum unterschiedlicher hätte sein können. Den Anfangspunkt für die Weimarer Verfassung setzte Zimmermann auf den 29. September 1918. An diesem Tag eröffnete Erich von Ludendorf dem Kaiser, dass der Krieg verloren sei und die Politik unverzüglich Waffenstillstandsverhandlungen aufnehmen sollte. Diese Arbeit übernahm der neu gewählte liberale Reichskanzler Prinz Max von Baden, der sich auf SPD, Zentrum und Fortschrittliche Volkspartei stützte.

Massive Widerstände

Anders als beim Grundgesetz gab es gegenüber der Weimarer Verfassung von Anfang an massiven Widerstand. Vor allem das Militär sei unterschätzt worden. Am 3. November 1918 begehrten die Matrosen der kaiserlichen Marine gegen ein Himmelfahrtskommando auf, was die Bildung zahlreicher Soldatenräte zur Folge hatte. Am 9. November wurde Friedrich Ebert Reichskanzler und Philipp Scheidemann rief die Republik aus. Und am 15. November wurde Jurist Hugo Preuß beauftragt, eine Verfassung auszuarbeiten. Dabei gestand er dem Reichspräsidenten, der direkt vom Volk gewählt wurde, eine starke Stellung zu. Der Reichstag sei institutionell schwächer angelegt als beispielsweise der Bundestag heute. Mit der Folge, dass es in den 14 Jahren von 1919 bis 1933, neun Reichstage und 20 Regierungen gab, aber nur zwei Reichspräsidenten.

Im Grundgesetz wird beim Bundespräsidenten weit weniger Macht verortet. Dafür seien Bundestag, Regierung und Kanzler deutlich gestärkt worden. Doch die Stabilisierung des ganzen Systems nur auf den Grundgesetztext zurückzuführen, das würde das Urteil über die Weimarer Verfassung trüben.

Zimmermann betonte, dass die Weimarer Verfassung unter dem Friedensvertrag von Versailles zu leiden hatte. Dieser trug zur Delegitimierung des ganzen Systems bei. Gut zu erkennen sei das an den Wahlergebnissen am 1. Januar 1919 und 6. Juni 1920. Die tragenden demokratischen Kräfte rund um SPD, Zentrum und Deutsche Demokratische Partei erlitten 1920 im Vergleich zu 1919 erhebliche Verluste. Und so war nach der Wahl 1920 keine Koalition möglich ohne eine Partei, die die Verfassung ablehnte.

An ihr Ende kam die Weimarer Verfassung im Grunde schon am 26. April 1925, als Paul von Hindenburg zum Reichskanzler gewählt wurde. Er hielt den Reichstag für überflüssig und handelte dementsprechend. Das Grundgesetz wurde am 23. Mai 1949 dagegen in geradezu ruhiges Fahrwasser gesetzt und hatte Zeit, sich im öffentlichen Raum Akzeptanz zu verschaffen. ske

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