Schwetzingen

Aktion Veranstaltungsbranche macht mit der „Night of Light“ auf ihre Misere aufmerksam / Andrea Wilhelm von „Wivent“ strahlt das Theater am Puls und das Palais Hirsch an

„Wir brennen für unsere Sache“

Archivartikel

Lange sind sie ruhig geblieben, dabei können gerade sie richtig aufdrehen: die Mitarbeiter der Veranstaltungsbranche in Deutschland, die Kulturschaffenden, Toningenieure, Lichttechniker, Bühnenbauer, Produzenten, Caterer, DJs, Logistiker, Schauspieler, Musiker . . . Sie gehören wie so viele zu den großen Verlierern der Pandemie in vielerlei Hinsicht. Jetzt machen diejenigen, die auf der Bühne stehen und die „Unsichtbaren“ dahinter auf sich aufmerksam.

Am Montag, 22. Juni, zur symbolischen Uhrzeit fünf vor zwölf (11.55 Uhr) gibt es eine bundesweite Kundgebung der Kulturschaffenden beim Autokino Kulturwasen, Mercedesstraße 50, in Stuttgart (Anmeldung zur Teilnahme unter https://www.printyourticket.de/Kuenstler/mitabstandgehtesnicht-4136.html). Am Abend dann wird deutschlandweit ein flammender Appell an die Politik gerichtet: In der Nacht vom 22. auf den 23. Juni tauchen Scheinwerfer in 250 Städten Eventlocations, Spielstätten, Gebäude und Bauwerke in ein rotes Licht.

In Schwetzingen und der Region wird es auch diese leuchtenden Mahnmale geben, die sich mit den anderen in der Republik zu einem gewaltigen Lichtmonument arrangieren. Dies soll ein Einstieg in einen Branchendialog sein, der die Vielfältigkeit und Systemrelevanz der deutschen Veranstaltungswirtschaft thematisieren soll, schreibt der Initiator der Aktion „Night of Light“ (Nacht des Lichts) und Vorstand der LK-AG Essen, Tom Koperek, in einer Pressemitteilung. Allein Konzerte, Volksfeste, Firmenfeiern und Messen ziehen in normalen Jahren in Deutschland knapp 500 Millionen Besucher an und können bis auf Weiteres gar nicht oder nur unter erheblichen Auflagen stattfinden. Die derzeitigen Hilfsprogramme für die Veranstaltungswirtschaft bestehen im Wesentlichen aus Kreditprogrammen, die jedoch eine erneute Zahlungsunfähigkeit in Verbindung mit der Überschuldung der betroffenen Unternehmen zur Folge haben werden. Die Aktion „Night of Light“ vereint Marktteilnehmer aus allen Bereichen der Veranstaltungswirtschaft, um in einer konzertierten Aktion ein imposantes Zeichen für eine vom Aussterben bedrohten Branche zu setzen und zu einem Dialog mit der Politik aufzurufen, wie Lösungen und Wege aus der dramatischen Lage entwickelt werden können.

In Schwetzingen engagiert sich Andrea Wilhelm für die Aktion. Sie hat mit „Wivent“ in der Breslauer Straße 10 ein Unternehmen für Projektmanagement und Veranstaltungstechnik. Neben vier Mitarbeitern arbeitet sie mit vielen Freischaffenden zusammen. Mit ihren Scheinwerfern wird sie am Montag, 22. Juni, ab 22 Uhr, bis Dienstag, 23. Juni, 1 Uhr, das Theater am Puls in der Marstallstraße und das Palais Hirsch auf dem Schlossplatz in ein rotes Licht tauchen. Mit Stand von Freitagnachmittag unterstützen über 4000 Unternehmen die „Night of Light“ und über 4000 Spielstätten werden angestrahlt, die Anmeldung ist unter night-of-light.de möglich.

Frau Wilhelm, was genau macht Ihre Firma?

Andrea Wilhelm: Wir haben zwei Standbeine: zum einen Projektmanagementoffice (PMO) und zum anderen Veranstaltungstechnik mit den Sparten Planung, Ausführung und Betreuung von Events als Full-Service-Dienstleister sowie der Verleih von Veranstaltungstechnik. Dazu gehört auch die Technik entsprechend den Anforderungen der Kunden auszuwählen und zusammenzustellen, damit alles schön klingt, gut und stimmungsvoll aussieht und reibungslos ablaufen kann. Wir legen sehr viel Wert auf die eine gute Beratung. Zum Beispiel sind Lautsprecher nicht gleich Lautsprecher. Wir passen die Auswahl der Technik auf die Bedürfnisse des Kunden optimal an. Und im Schadensfall reparieren wir auch PA- Technik in unserer Werkstatt.

Wie haben Sie die vergangenen Wochen erlebt?

Wilhelm: Ohne Veranstaltungen ist es still. Die gut gefüllten Auftragsbücher auf einmal leer. Das Equipment klebt am Regal fest. Das ist schon ungewohnt. Diese Zeit konnten wir bisher mit Hilfe unserer Werkstatt, die Reparaturen, Elektroprüfungen und auch Festinstallationen in Veranstaltungsstätten vornimmt sowie mit Streaming ganz gut überbrücken.

Welche wirtschaftlichen Folgen können Sie für Ihre Firma schon jetzt absehen?

Wilhelm: Mit unserem breitgefächerten Angebot sollten wir die Zeit überstehen können. Man erfindet sich dann auch einmal neu und wird kreativ. Aus unserem Showroom haben wir ein Streaming-Studio gemacht, das von kleinen Unternehmen genutzt wird. Dieses wollen wir jetzt unter dem Motto „Wir geben jungen Talenten eine Stimme“ nicht so bekannten Künstlern als Nachwuchsförderung zur Verfügung stellen.

Die Regierung hat Großveranstaltungen bis 31. Oktober ausgebremst – was bedeutet das für Sie?

Wilhelm: Weiterhin keine Veranstaltungen. Vielleicht wird es ein paar kleine, feine Veranstaltungen geben. Ansonsten setzen wir weiter auf Entwicklung neuer Ideen, Beratung von Veranstaltungsstätten in Bezug auf ihre Festinstallationen. Auch mit verschiedenen Schulen sind wir in Sachen technischer Beratung in Kontakt.

Haben Sie für sich einen Plan B zum Geldverdienen entwickelt?

Wilhelm: Mit dem breitgefächerten Angebot und der Vielseitigkeit der Dienstleistungen denke ich, auf der sicheren Seite zu sein.

Die Veranstaltungsbranche plant mit der „Night of Light“ von Montag auf Dienstag sowie einer Demonstration in Stuttgart am Montag auf sich gezielter aufmerksam zu machen. Warum ist das Ihrer Meinung nach notwendig?

Wilhelm: Die Veranstaltungsbranche umfasst eine Menge Gewerke und Ausrichtungen von Spezialisten unterschiedlichster Couleur. Es geht um die Zukunft von drei Millionen Erwerbstätigen – Angestellte als auch Soloselbstständige und Kleinunternehmen, die 210 Milliarden Umsatz produzieren. Viele von ihnen werden nicht wirklich wahrgenommen. Darauf soll damit aufmerksam gemacht werden.

Was sollten Bund und Länder Ihrer Meinung nach in Angriff nehmen, damit auch Ihre Branche wieder Aufwind bekommt beziehungsweise Firmen wie Ihre überleben können?

Wilhelm: Bund und Länder müssten sich mit den Themen der Veranstaltungsbranche beschäftigen und mit den Vertretern zum Beispiel dieser Kampagne ein Konzept erarbeiten. Der Tanzbrunnen in Köln etwa hat ein umsetzbares und genehmigungsfähiges Konzept für die Wiederaufnahme von Veranstaltungen entwickelt. So etwas könnte es in unserer Stadt auch geben. Ich glaube, der Bedarf ist da – wir, und auch die Künstler, das wissen wir, stehen bereit.

Inwieweit sind Sie bei der „Night of Light“ eingebunden?

Wilhelm: Als wir von dieser Aktion erfahren haben, haben wir auch an unsere Stadt Schwetzingen gedacht. In unserer schönen Stadt gibt es unzählige Konzerte, Konzertreihen, Festspiele, schöne Veranstaltungsstätten, die alle im Moment still stehen. Schwetzingen ist eine Stadt, die hier nicht fehlen darf.

Werden Sie auch nach Stuttgart zum Demonstrieren fahren?

Wilhelm: Nein, das schaffen wir nicht. Am Vormittag haben wir bereits einen Job zu erledigen und am Abend dann „Night of Light“. Das Theater am Puls und auch das Palais Hirsch werden „entflammen“ und für unsere Sache „brennen“.

Info: night-of-light.de wivent.de

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