Speyer

Wirtschaftsgeschichte Franz Hammer lässt die bewegte Geschichte einer Speyerer Institution Revue passieren / In dritter Generation in Familienhand / Steiler Aufstieg dank Wurstsalat mit Pommes

Alles, weil Elisabeth das Schiffsleben satthatte . . .

Speyer.Häufige Wechsel in der Gastronomie sind keine Seltenheit. In Speyer aber gab und gibt es Traditionsbetriebe, die die Wirren der Zeit über Jahrzehnte und länger überdauert haben. Ein gutes Beispiel ist der „Alte Hammer“. Hier ließen Besucher erstmals 1919 in der Wirtschaft „Zur Schiffbrücke“ bei einem kühlen Bier und schmackhaften Kleinigkeiten die Seele baumeln.

Unmittelbar an das Helmut-Kohl-Ufer angrenzend und mit direktem Blick auf den Rhein am Leinpfad 1c gelegen, verwöhnt der Gastronomiebetrieb mit hundertjähriger Tradition seine Gäste mit herzhafter Pfälzer Küche und leichten Snacks. Sowohl die Gaststätte mit ihren 85 Sitzgelegenheiten als auch die Küche sind in einem Anfang des 20. Jahrhunderts erbauten, denkmalgeschützten Fachwerkhaus untergebracht.

Über ein Alleinstellungsmerkmal verfügt der „Alte Hammer“ mit dem ältesten bis heute existierenden Biergarten Speyers, in dem 360 Freisitze zur Verfügung stehen. Das dichte Blattwerk einer über 70 Jahre alten Wasserlinde spendet selbst bei intensiver Sonneneinstrahlung wohltuenden Schatten.

Inhaber Franz Hammer (Bild), dem der „Alte Hammer“ in der dritten Generation gehört, und die Pächter Geraldine Krebs und Peter Roth von der Krebs-Gaststätten Betriebs-GmbH blickten anlässlich des außergewöhnlichen Jubiläums im Gespräch mit unserer Zeitung auf 100 Jahre Dienst am Kunden zurück.

In unsicheren Zeiten Mut bewiesen

Im Kontext zeitgeschichtlicher Verwerfungen, wirtschaftlicher Glanzzeiten und politischer Umbrüche vermittelten bereits die Anfangsjahre in der Nachkriegszeit einen Vorgeschmack auf die wechselvolle Geschichte der Gaststätte, die 1919 unter dem Namen „Zur Schiffbrücke“ den geregelten Betrieb aufnahm. Es war die Zeit, als die Armut großer Bevölkerungsteile in den Anfangsjahren der Weimarer Republik erdrückend war, und demzufolge gehörte viel Mut dazu, sich in die Selbstständigkeit zu wagen.

Diesen Mut hatten seinerzeit Franz und Elisabeth Hammer. Es war aber mehr ein Mut zur Veränderung, denn als Schiffsführer eines Öltankschiffes verfügte der Großvater des heutigen Besitzers über ein regelmäßiges Einkommen. Doch Ehefrau Elisabeth war es leid, mit elf Kindern, die alle auf dem Schiff geboren wurden, ständig dort leben zu müssen. Sie wollte sesshaft werden, setzte ihren Willen durch und kaufte 1918 die direkt am Rhein gelegene, gut zehn Jahre zuvor erbaute und damals sogenannte Villa Flörchinger.

Der Grundstein zum „Alten Hammer“ war damit gelegt. Bereits 1918 eröffneten die rührige Elisabeth und ihr Mann hier für drei Monate eine Straußwirtschaft, der ein Jahr später die Wirtschaft „Zur Schiffbrücke“ mit Vollkonzession folgte, die das Ehepaar bis 1948 betrieb. Der Name leitete sich von der historischen Schiffbrücke ab, über die in direkter Nähe zum Lokal die Eisenbahn bis 1938 den Rhein querte.

Überaus geschäftstüchtig

Auch dank der Geschäftstüchtigkeit von Elisabeth überstanden die Hammers den Zweiten Weltkrieg ohne größere Blessuren. Geradezu berüchtigt war die Strebsamkeit der Wirtin. Inzwischen fast blind geworden und Füllstriche auf Schankgefäßen nicht mehr erkennend, streckte sie – um die richtige Menge zu erkennen – beim Einschenken einen Finger ins Glas. Es sollte ja kein Tropfen verlorengehen.

„Wir gehen zur Beißzang“

Als geradezu geizig erwies sie sich, wenn Gäste für zehn Pfennig ein elektrisches Klavier in Gang setzen wollten und ihnen ein Pfennig fehlte. Niemals, so erinnert sich der heutige Inhaber, habe seine Großmutter den Besuchern mit einem Pfennig ausgeholfen. Das brachte ihr den wenig schmeichelhaften Ruf einer „Beißzang“ ein, und im Volksmund hieß es vor einem Gaststättenbesuch noch lange, „Wir gehen zur Beißzang“.

Nichtsdestotrotz nutzten Speyerer Vereine wie die Sportschützen und Judoka einen Nebenraum als Trainingsquartier.

1948 erfolgte mit der Übergabe der Gaststätte an den jüngsten Sohn Richard der erste Generationswechsel. Auch er galt als Despot und erwarb sich das „Beißzang“-Image. Als er jedoch für einen Schoppen Bier fünf Pfennig mehr als zuvor verlangen wollte, gab es unter den Gästen einen Aufstand.

In der Familie schien es aber zu stimmen, denn mit seiner zweiten Ehefrau Maria hatte er vier Kinder. Darunter befand sich auch unser 1954 geborener Gesprächspartner Franz Hammer.

Vico Torriani lässt sich’s schmecken

Geschäftlich ging es im Zeitabschnitt des deutschen Wirtschaftswunders ebenfalls weiter voran. Beim Bau der neuen Rheinbrücke (später Salierbrücke getauft) in den 50er Jahren kochte Maria täglich für etwa 35 Brückenarbeiter. In den 60er Jahren war die Gaststätte beliebte Anlaufstelle für Besatzungsmitglieder und Gäste von Passagierschiffen der Köln-Düsseldorfer Reederei, die sich nicht selten bei einem Schoppen Bier und mehr bis in die frühen Morgen vergnügten. Auch berühmte Persönlichkeiten wie Schlagersänger Vico Torriani gaben sich schon mal die Ehre.

1972 wechselten erneut die Betreiber. Richard und Maria Hammer verpachteten die Wirtschaft für 20 Jahre an die Eichbaum-Brauerei. Anschließend sollte die älteste Tochter Elisabeth das Lokal wieder übernehmen. Die gelernte Restaurantfachfrau kam jedoch 1976 bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Die Eichbaum-Brauerei wiederum hatte die Gaststätte gleich nach der Übernahme für fünf Jahre an den Koch und Metzgermeister Ewald Straub unterverpachtet, unter dessen Regie sie sich zu einer Speisegaststätte mit gutbürgerlicher Küche weiterentwickelte.

Der auf Straub folgende Pächter, dessen Name nicht genannt wurde, wirtschaftete das Lokal nach Angaben von Franz Hammer aber total herunter – der gute Ruf war vorläufig ruiniert und der Fortbestand mehr als fragwürdig.

Rettung kam in Person von Franz Hammer, der die Gaststätte 1979 im Alter von gerade mal 25 Jahren übernahm. Im Bemühen, den guten Ruf wieder herzustellen, gelang ihm mit der 1980 erfolgten Einstellung des Küchenchefs Klaus Breinig ein Glücksgriff. Dessen Kochkünste und seine Erfindung des Wurstsalat mit Pommes („WuPo“) trugen dazu bei, das Niveau des Lokals merklich zu steigern. Als zukunftssichernde Maßnahme ist auch der komplette Um- und Ausbau der Innenräume in den Jahren 1984 und 1985 einzustufen.

Danach ließ der Erfolg nicht lange auf sich warten, und Franz Hammer konnte das Restaurant mit Biergarten, das bis heute über ein treues Stammpublikum verfügt, im Jahre 2004 ruhigen Gewissens an Geraldine Krebs und Peter Roth verpachten und sich selbst zur Ruhe setzen.

Neben zahlreichen regelmäßigen Gästen schlagen heute Besucher aus nah und fern den Weg zum „Alten Hammer“ ein, dessen Lage ihn zu einem beliebten Ausflugsziel macht und der diesen Namen seit der Umbenennung im Jahre 1985 trägt.

Viele Landesväter zu Gast

In der jüngeren Vergangenheit legten auch bekannte Persönlichkeiten wie der verstorbene Altbundeskanzler Helmut Kohl oder die ehemaligen Ministerpräsidenten Dr. Bernhard Vogel und Kurt Beck Mußestunden im „Alten Hammer“ ein.

Seit der deutschen Wiedervereinigung werden Bestellungen auch vermehrt in ostdeutschen Dialekten aufgegeben. Da von der Schnakenfront keine Gefahr mehr droht, steht einer erfolgreichen Jubiläumssaison 2019 wohl nichts mehr im Wege.

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