Speyer

Museum Vor 50 Jahren macht Vikar Dr. Franz Haffner in der Afrakapelle einen sensationellen Fund

Der purpurne Schatz

Archivartikel

Speyer.Eine mysteriöse alte Kiste kam im Oktober 1970 bei Renovierungsarbeiten der St. Afrakapelle im Speyerer Dom zum Vorschein. Der Inhalt: ein etwa 22 mal 27 Zentimeter großes Pergament, blutbefleckte Kleidungsstücke und menschliche Gebeine – Reliquien aus vergangenen Jahrhunderten also. Im April 1970 hatte die Sanierung der Kapelle begonnen. Im Herbst kam es schließlich zu dem sensationellen Fund. Wir wollen hier einen kulturhistorischen Rückblick auf die Geschichte des sogenannten Ulfila-Blattes geben, das im Dom- und Diö-zesanmuseum beim Historischen Museum der Pfalz aufbewahrt wird.

Entdeckt hatte die Handschrift der Domvikar Dr. Franz Haffner unter Bodenplatten in der Nähe des Altares der Kapelle, gemeinsam mit den menschlichen Knochen. Die Gebeine wurden durch einen beigelegten Zettel dem Bischof Erasmus zugewiesen. Daneben befand sich das Pergament, das um ein rundes Holzstück gewickelt war. Umhüllt war das Blatt von zwei Büttenpapieren mit einem Wasserzeichen, datiert aufs 16. Jahrhundert.

Nach längeren Recherchen und dem Austausch mit Experten ist eines klar: Das sehr gut erhaltene Pergamentpapier ist von hoher kulturgeschichtlicher Bedeutung. Das „Haffner-Blatt“ ist eine verschwundene Seite des „Codex Argenteus“, eine Abschrift der Evangelien in silbernen Buchstaben. Dabei handelt es sich um die erste von Bischof Wulfila (311–383) im 4. Jahrhundert geschaffene Übersetzung ins Gotische. Für diese Übersetzung erfand Wulfila die gotische Schrift. Der Codex, ursprünglich bestehend aus 336 Seiten, ist in der schwedischen Stadt Uppsala archiviert. Allerdings nur 187 Seiten. Was mit den restlichen 149 Blättern geschah, war lange ungewiss. Bis eines der fehlenden Blätter vor 50 Jahren eben hier in Speyer gefunden wurde.

Dass das Speyerer Blatt tatsächlich zum „Codex Argenteus“ gehört, klärte sich bei genauen Untersuchungen. Die silberne und goldene Farbe der Schrift, die purpurgefärbte Seite, die Monogramme der Evangelisten am unteren Rand. Beim inhaltlichen Aspekt wurde es schließlich noch deutlicher. Der Uppsala-Codex endet mit dem 16. Kapitel des Markusevangeliums. Und bricht plötzlich mit den Worten „Afaruh pan pata“ ab. Exakt an dieser Stelle setzt das im Dom gefundene Fragment an und stellt somit die letzte Seite des Codex dar. Sicherlich kein Zufall. Zudem stimmen die Wurmlöcher bei beiden Dokumenten exakt überein. Ein eindeutiger Beweis.

Codex war schwer unterwegs

Der komplette „Codex Argenteus“, inklusive des Speyerer Pergaments, brachte der heilige Luidger dann im 8. Jahrhundert von einer Italienreise in die von ihm gegründete Abtei Werden an der Ruhr. In der Abtei wurden, so die Vermutung, 149 der 336 Blätter aus dem Codex entnommen – vermutlich geklaut, verkauft oder verschenkt. Ohne jegliche Reihenfolge. Der restliche Codex wurde schließlich an Kaiser Rudolf II. abgetreten. Er brachte ihn auf seine Burg in Prag. Im 30-jährigen Krieg erbeuteten die Schweden die Handschrift. Nach einer Station in den Niederlanden, wo der Codex gebunden wurde, ist die Abschrift nun schon seit dem 17. Jahrhundert in der Universitätsbibliothek Carolina Rediviva in Uppsala archiviert.

Und wann wurde das Speyerer Blatt vom Codex getrennt? Das ist das nächste Mysterium. Die Fachleute sind sich unschlüssig. Im Frühmittelalter oder doch erst im 16. Jahrhundert? Genauso wie nur spekuliert werden kann, wann es den Erasmus-Reliquien zugeführt wurde. Finder Haffner ist überzeugt: Das Blatt kam im 16. Jahrhundert in den Besitz des Erzbischofs von Magdeburg, Albrecht von Brandenburg. Einen Hinweis stellen die Erasmus-Reliquien dar, die er auch besaß. Seine Reliquiensammlung vermachte der spätere Erzbischof von Mainz im Jahr 1540 dem Mainzer Dom.

Unter der Auflistung der Gegenstände werden die Erasmus-Überreste genannt, jedoch findet sich kein Hinweis auf das Ulfila-Blatt. Nachdem der Domschatz 1792 nach Aschaffenburg gebracht wurde, gelangte ein Teil zwischen 1822 und 1825 zur Diözese Speyer. Bischof Nikolaus von Weis untersuchte daraufhin zusammen mit dem Domkapitel diese Reliquien. Trotz seiner hohen theologischen Bedeutung wurde das 1500 Jahre alte Pergament von ihnen wohl übersehen. Alle Überreste zweifelhafter Authentik wurden schließlich am 25. November 1859 in der kleinen Kiste begraben. Jene Kiste, die 1970 gefunden wurde.

Der spektakuläre Fund im Jahr 1970 war eine wissenschaftliche Sensation und erzeugte großes internationales Aufsehen. Es ist bis heute das einzige verschwundene Blatt des Codex, das jemals wieder aufgetaucht ist. Es wanderte durch die Geschichte Europas. Und es wirft immer noch viele ungeklärte Fragen auf. Aber eines ist klar: Hergeben und zum Codex in Uppsala hinzufügen wollen es die Speyerer nicht. is

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