Speyer

PFW Aerospace Mit dem langjährigen „Kämpfer“Jan Heinrich geht der vorläufig letzte Pfälzer Betriebsratsvorsitzende des Unternehmens in den Ruhestand

Eine Ära mit Höhenflügen und Abstürzen

Speyer.Bei der PFW Aerospace endet eine Ära. Mit Jan Heinrich geht der vorläufig letzte Betriebsratsvorsitzende in den Ruhestand, der in mehreren Jahrzehnten wirtschaftliche Abstürze, Neustarts und Höhenflüge des Zulieferwerkes am Neuen Rheinhafen erlebte.

Die zu 90 Prozent organisierte Belegschaft verliert mit dem gelernten Werkzeugmacher-Meister und erfolgreichen Absolventen der „Akademie der Arbeit“ in Frankfurt eine Kämpfernatur, die sich ganz im Sinne der Vorgänger Willi Weber, Kurt Waas, Georg Pfeifenroth und dem früh verstorbenen Andreas Herfurth dem Leitspruch „Wer nicht kämpft, hat schon verloren“ verpflichtet fühlt. Jan Heinrich wurde 1998 zum stellvertretenden Betriebsratsvorsitzenden und 2004 zum Vorsitzenden des Gremiums gewählt.

Am Mittwoch, 13. Dezember, wird sich Heinrich bei einer Betriebsversammlung von der Belegschaft verabschieden. Im Anschluss daran verabschiedet die Geschäftsleitung den engagierten Gewerkschafter bei einem Empfang für geladene Gäste in einem Speyerer Hotel. Bereits am 30. November wurde sein Nachfolger Werner Rieder gewählt.

Im Gespräch mit unserer Zeitung sagte Heinrich, dass er auf erfüllte Jahre zurückblicke und die Verantwortung mit ruhigem Gewissen an seinen Nachfolger übergebe. Der scheidende Arbeitnehmervertreter sagt: „Die PFW Aerospace ist mit vollen Auftragsbüchern und einer Belegschaft von circa 1700 Mitarbeitern in Speyer gut aufgestellt. Der Stolz auf die Belegschaft, den Vertrauenskörper und die Kollegen vom Betriebsrat mildert den Abschiedsschmerz.“

In den 41 Jahren seiner Betriebszugehörigkeit hat Jan Heinrich 40 Jahre lang die Interessen von Mitarbeitern vertreten. Am 1. September 1976 als Werkzeugmacher-Auszubildender in die damalige VFW-Fokker eingetreten, wurde er schon bald zum Jugendvertreter und Vertrauensmann seines Ausbildungsjahrganges gewählt.

Es war eine wirtschaftlich schwierige Zeit, in der er erstmals mit Arbeitskämpfen konfrontiert wurde und in ihm die Erkenntnis reifte, dass Arbeitnehmer sich gewerkschaftlich organisieren müssen. Nur die Zuteilung wesentlicher Komponenten für das militärische Transportflugzeug C160 Transall retteten Werk und Arbeitsplätze.

Überleben erneut ungewiss

Doch bereits 1983 kämpfte das inzwischen zum MBB-Konzern gehörende Zulieferwerk durch den Auslauf des Transall-Programms erneut ums Überleben. Erst mit der Umstrukturierung zum Hubschrauberwartungszentrum stabilisierte sich die Lage für die damals 850 Beschäftigten. Der erstmaligen Wahl von Jan Heinrich in den Betriebsrat 1984 folgten weitere turbulente Jahre, die 1991 mit dem Verlust der Hubschrauberwartung, dem Übergang von MBB zur Deutschen Airbus und der erneuten Umstrukturierung auf die Fertigung von Airbus-Komponenten ihre Höhepunkte hatten.

Jan Heinrich erinnert sich: „Positiv war , dass die Belegschaft auf 1000 Mitarbeiter anwuchs. Negativ machte sich bald bemerkbar, dass das Werk keine „eigenständige Fertigungsstruktur“ hatte. Die Einflüsse weltpolitischer Ereignisse auf die Luftfahrtindustrie bekamen die Speyerer ebenfalls zu spüren.

Stornierungen von Flugzeugbestellungen als Folge des Zweiten Golfkrieges führten im Speyerer Werk der Deutschen Aerospace Airbus (DASA) zu einem erheblichen Personalabbau. Heinrich: „1995 nahm die Krise mit nur noch 700 Beschäftigten dramatische Formen an. Der Konzern hatte die Schließung unseres Werkes beschlossen, das berüchtigte Sparprogramm „Dolores“ war in aller Munde.“

Folgen des Zweiten Golfkriegs

Dankbar erinnert sich Heinrich an den Zusammenhalt der Belegschaft und die Gründung einer Bürgerinitiative mit Pfarrer Bernhard Linvers als Sprecher, was in der Summe den Bestand des Werkes sicherte. „Ohne die Erfahrungen aus den Arbeitskämpfen der 70er Jahre hätten wir wohl auf verlorenem Posten gestanden.“

1997 erfolgte die Ausgliederung aus dem Airbus-Verbund. Die eigenständigen Pfalz-Flugzeugwerke blieben Zulieferer für Airbus. Doch schon 2011 stand das inzwischen vom US Pensionsfonds Safeguard übernommene Werk wieder kurz vor dem Aus. Die von Airbus und Boeing an die PFW übertragene Entwicklung von Neuprogrammen und deren Vorfinanzierung überforderte finanziell. Airbus übernahm 74,9 Prozent der Anteile und stabilisierte die Finanzlage. Seitdem, so Jan Heinrich, geht es stetig aufwärts. Die Speyerer Galionsfigur sagt: „Ich habe gelernt, wie wichtig ein hoher Organisationsgrad ist. Der Einzelne zählt vielleicht wenig, aber mit einem großen Rückhalt in Belegschaft und Öffentlichkeit kann man einiges bewirken!“

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