Speyer

Speyer Lit Rafik Schami spricht in der Dreifaltigkeitskirche vor knapp 800 Besuchern

Er will die Geschichten seines Lebens erzählen

Speyer.Eine Lesung vor knapp 800 Menschen ist nicht alltäglich. Nicht alltäglich ist aber auch Rafik Schamis Konzept für eine solche Lesung. Während die meisten Literaten kapitelweise ihre Bücher rezitieren, stellt sich Schami vor den Altar der Dreifaltigkeitskirche ans Mikrofon und tut genau das, was er im Titel seiner aktuellen biografischen Notizen verspricht: Er erzählt Geschichten.

Viele davon finden sich in seinem Band „Ich wollte nur Geschichten erzählen“, die sich im Untertitel zu einem „Mosaik der Fremde“ verdichten. Denn fremd ist der aus Syrien stammende Schriftsteller geblieben. Zumindest in dem Sinne, dass er seine familiären und kulturellen Wurzeln bei seiner Ankunft 1971 in Frankfurt nicht beim Aussteigen aus dem Flieger gekappt hat. „Damaskus ist die schönste Stadt der Welt“, bekennt er denn auch: „Zumindest war sie das mal.“

Romane abgeschrieben

Gleichzeitig wird in den Berichten deutlich, wie leidenschaftlich sich der Emigrant, der in seiner Jugend Chemiker und Schriftsteller werden wollte, in den Boden seiner neuen Heimat eingegraben hat. Ganze Romane hat er handschriftlich abgeschrieben, um die literarische deutsche Sprache zu verinnerlichen: Heinrich Heine, Thomas Mann, Friedrich Dürrenmatt. Erste Versuche, eigene Geschichten bei Verlagen unterzubringen, sind zunächst gescheitert, wie er erzählt. Doch seine Hartnäckigkeit wurde belohnt; heute gehört Rafik Schami zu den erfolgreichsten Schriftstellern dieses Landes.

Vom Besuch so vieler Leser in der Dreifaltigkeitskirche fühlt er sich „sehr geehrt“. Am Mikrofon spricht er dann völlig frei, im lockeren Plauderton. Sehr sympathisch kommt das rüber, von angenehmer Wärme. Sicher auch deswegen, da Rafik Schami den sensiblen Umgang mit Humor und Ironie versteht. Immer wieder bringt er sein Auditorium zum Lachen, etwa als er über seine vergeblichen Versuche berichtet, im Kindesalter von Familienangehörigen sein eigenes Geburtsdatum zu erfahren. Jeden, den er befragt habe, habe ihm einen anderen Tag genannt. Deshalb habe er sich selbst dem „Sternzeichen des Regenbogens“ zugeordnet.

Seine Erzählungen und Anekdoten stehen in enger Verbindung mit jenen Notizen, die Schami in den vergangenen Jahrzehnten in insgesamt 30 Kladden niedergelegt hat. In Speyer greift der Autor tief in die eigene Vergangenheit zurück; er berichtet über jene Jahre, in denen sich das demokratische Syrien in eine Diktatur verwandelt und in denen er seine ersten schriftstellerischen Versuche der Zensur ausliefern musste. Über religiöse Konflikte berichtet der zum Christentum erzogene Katholik nicht.

In Syrien verboten

Ausschließlich auf Arabisch wollte er auch nach seiner Emigration aus seinem Heimatland schreiben; doch die arabischen Verlage weigerten sich, die Texte des Fahnenflüchtigen zu publizieren.

Bis heute seien seine Bücher in Syrien verboten, bedauert Schami. Seine ersten Gehversuche als Schriftsteller hat er mit Lesungen in Buchhandlungen gemacht, ohne ein Honorar zu fordern. Seit 15 Jahren habe er sein Lesehonorar nicht mehr erhöht, um zum Florieren der Buchbranche beizutragen. Das gibt in Speyer kräftigen Applaus.

Das Thema Gastfreundschaft spricht Rafik Schami ebenso an. Zu ihr gehört nach seiner Ansicht das offene Gespräch zwischen Menschen, die einander fremd sind. Und er ergänzt: „Die Angstmacher sind das Problem, nicht die Angsthabenden.“ In Speyer fliegen dem Schriftsteller viele Herzen zu. Bekannte und Freunde sind offensichtlich von weither gereist, um diese Lesung zu erleben, die weit mehr ist als das. Ein wenig so, als würde sich für einen Moment ein Fenster geöffnet haben, das der an Erstickung leidenden Verständigung zwischen Menschen etwas Frischluft zuführt.

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