Speyer

PFW Aerospace Corona-Pandemie hat das Werk erreicht / Leiharbeiter und befristet Beschäftigte haben das Werk bereits verlassen / Gewerkschaft setzt auf Kurzarbeit statt Stellenabbau

Flaute in der Luftfahrt lähmt die Produktion

Speyer.Der Wechsel an der Spitze des Unternehmens ist vollzogen, aber die Sorgen beim Speyerer Luftfahrtzulieferer PFW Aerospace werden nicht geringer. Derzeit kämpft der traditionsreiche Betrieb am Neuen Rheinhafen an allen möglichen Fronten. Seit Juli 2020, als diese Zeitung das letzte Mal über die prekäre Lage berichtete, hat sich die Situation nicht stabilisiert. Derzeit sind die Auftragsbücher zwar voll, aber die daraus resultierenden Lieferungen wurden von den Auftraggebern in eine derzeit noch unabsehbare Zukunft verschoben. Was zu erheblicher Kurzarbeit vor allem in der Fertigung führte.

Vergleichbar ist das Ganze nur mit der Entwicklung Mitte der 1990er Jahre, als der damals noch zur Daimler-Benz Aerospace Aktiengesellschaft (DASA) gehörende Zulieferbetrieb geschlossen werden sollte. Heute sind allerdings keine rigorosen Konzernbeschlüsse für die Bredouille verantwortlich. Der Umsatzrückgang von derzeit rund 40 Prozent ist ausschließlich der unvermindert andauernden Corona-Pandemie anzulasten, welche die gesamte Luftfahrtindustrie in ihren Grundfesten erschüttert.

Im Gespräch mit unserer Zeitung hielten Betriebsratsvorsitzender Andreas Gaa und sein Stellvertreter Thomas Seiler mit ihren Sorgen und Nöten nicht hinterm Berg. Nachdem alle Leiharbeiter das Werk verlassen mussten, laufen nun sukzessive die Verträge von befristet Beschäftigten aus. Die Leiharbeiter eingerechnet, sind vom Abbau bis Ende des Jahres 200 Arbeitnehmer betroffen, was nach Meinung von Gaa und Seiler einen erheblichen Verlust an Fachkompetenz bedeutet.

Altersteilzeit und Abfindungen

Das scheint der aktuellen Geschäftsführung aber noch nicht zu reichen. Zwar wurde der Standortsicherungsvertrag, nach dem bis 31. Dezember 2026 keine betriebsbedingten Kündigungen ausgesprochen werden dürfen, vom neuen Eigentümer Hutchinson anerkannt, doch möchte die Speyerer Werksführung nach Aussage der Arbeitnehmervertreter auf freiwilliger Basis weitere 125 Stellen abbauen.

Davon betroffen wäre ausschließlich Stammpersonal, dem der Ausstieg aus dem Arbeitsverhältnis mit Abfindungen und finanziell aufgebesserten Altersteilzeitregelungen schmackhaft gemacht werden soll. Ein gewisser Druck kann aus der Zeitvorgabe abgeleitet werden, denn zur Entscheidungsfindung für oder gegen die durchaus reizvollen Modelle hat die Geschäftsführung nur wenige Monate angesetzt.

Gaa und Seiler betonten im Gespräch mit unserer Zeitung, dass sie solche Maßnahmen für verfrüht halten. Vor allem, da die Bundesregierung mit neuen Beschlüssen einer bundesweit geltenden Verlängerung der Kurzarbeit bis 21. Dezember 2021 zugestimmt habe. Statt einen substanziellen Verlust an weiteren Fachkräften in Kauf zu nehmen, sollte das Unternehmen die gewonnene Zeit nutzen, um flexibel auf neue Herausforderungen zu reagieren. So könne man die durch Kurzarbeit bedingten Freistunden nutzen, um die Qualifizierung der betroffenen Arbeitnehmer zu optimieren und sie im Rahmen der eigenen Produktfertigung auf den Wandel in der Luftfahrt vorzubereiten.

Verschiedene Gesprächsrunden

Kämpferisch erprobt, machten die beiden Arbeitnehmer deutlich, dass es an der Zeit sei, die Position der Arbeitnehmerschaft zu stärken und dem Abbau von Arbeitsplätzen und der Reduzierung von Ausbildungsplätzen Widerstand entgegenzusetzen. Klare Signale an die Geschäftsführung haben sie unter Einbindung der Politik bereits in mehrfacher Hinsicht gesendet. So haben im September Gespräche mit dem rheinland-pfälzischen DGB-Landesvorsitzenden Dietmar Muscheid stattgefunden, an denen auch die Geschäftsführung und Vertreter des Vertrauenskörpers teilgenommen haben.

Danach ging es Schlag auf Schlag weiter. Am 24. September fand eine Betriebsversammlung statt, bei der die Arbeitnehmervertreter nach eigener Aussage klare Worte an die Geschäftsleitung richteten. Vor allem verwahre man sich dagegen, das die Arbeitnehmer nach überstandener Pandemie finanziell zur Kasse gebeten werden, bekräftigte Gaa die Haltung des Betriebsrats.

Wie ernst es ihnen ist, machte auch ein runder Tisch am Dienstag, 13. Oktober, deutlich, bei dem die Problematik der Luftfahrtindustrie im Allgemeinen und die Situation vor Ort im Besonderen mit der Geschäftsführung, Vertretern der IG-Metall sowie Bundes- und Landespolitikern der SPD erörtert wurde. Dem schloss sich am nächsten Tag eine von der IG-Metall-Zentrale in Frankfurt und dem Luft- und Raumfahrt-Netzwerk „Air-Connect“ in Berlin initiierte Online-Konferenz mit Vertretern des Bundeswirtschaftsministeriums, dem IG-Metall-Vorstand, sowie mehreren Staatsministern und Staatssekretären an. Speyer war mit der Geschäftsführung und Betriebsratsvorsitzendem Andreas Gaa beteiligt.

Als vorläufiger Schlusspunkt in diesem Jahr ist eine Betriebsversammlung mit Ministerpräsidentin Malu Dreyer und der Speyerer Oberbürgermeisterin Stefanie Seiler am 10. Dezember fest terminiert. Gaa und Seiler abschließend: „Auch dort werden wir entsprechende Signale an die Geschäftsführung senden, dass wir die Krise gemeinsam meistern wollen, dass aber nicht um jeden Preis!“

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