Speyer

Pogromnacht Gedenkmarsch zum Mahnmal in Hellerstraße / Aufruf zu Wachsamkeit und Widerstand

Gegen Rassenwahn in neuen Formen

Speyer.Zu Wachsamkeit und beherztem Widerstand gegen alle Anzeichen für Antisemitismus, Menschverachtung und Fremdenfeindlichkeit riefen die drei Sprecher der Gedenkveranstaltung des DBG Stadtverbandes Speyer anlässlich der Reichspogromnacht am 9. November 1938 auf. Niemals dürfe das himmelschreiende Schreckensszenario mit dem Mantel des Vergessens bedeckt werden. Vielmehr sei die Erinnerung wach zu halten und an die nachwachsende Generation weiterzugeben, war Tenor der Ansprachen des Speyerer DGB-Vorsitzenden Axel Elfert, von Oberbürgermeisterin Stefanie Seiler und Altdekan Friedhelm Jakob.

Das Mahnmal hinterm Kaufhof in der Hellergasse, wo vor 81 Jahren die Synagoge der Speyerer Kultusgemeinde von den Nationalsozialisten gebrandschatzt wurde, war Ziel des Gedenkmarschs, der am St. Georgsbrunnen vor der Alten Münze startete. In der Maximilianstraße machte der annähernd 200 Teilnehmer starke Zug zuvor Halt und Kerstin Scholl von der Initiativgruppe Stolpersteine erinnerte an das Leid der jüdischen Mitbürger, die bis 1938 in den Häusern gelebt hatten.

In der Pogromnacht habe „der Antisemitismus seine hässliche Fratze gezeigt“, mahnte die Oberbürgermeisterin zu Zivilcourage und zeigte sich selbst bereit, entschieden jegliche Form von Extremismus im Keim zu ersticken und Hasspropaganda zu unterbinden. Mit aller Macht sei dafür zu kämpfen, dass „nie wieder Nationalsozialisten an die Macht kommen“.

Er sähe es nicht als „Geste meiner Freundlichkeit“ als Gastredner zu den besorgten Menschen zu sprechen, aber Friedhelm Jakob habe die „Herausforderung“ gerne angenommen, weil der 9. November „einer der geschichtsträchtigsten Daten deutscher Geschichte“ sei. Es markiere den Tag, an dem ein längst unmenschliches System sozusagen die endgültige und grausam ausufernde Shoah einleitet. Auch in der schönen und religionsgeschichtlich bedeutsamen Stadt Speyer sei das Brennen der Synagoge „ein letzter Test“ gewesen, „wie deutscher Geist auf Blindwütigkeit und Geistlosigkeit reagiert“.

„Tiefe Scham gefühlt“

Im Folgenden erinnerte der Altdekan an Reinhard Heydrichs wohl dosierte Befehle zum Angriff auf die Synagogen und jüdischen Geschäfte in Speyer, zum unbedingten Verschonen nichtjüdischer Häuser sowie an eigene Erfahrungen. Jakob: „Der 9. November 1938 ist sichtbar und auch spürbar das Fanal, das dann zu Treblinka, Auschwitz, Birkenau und Buchenwald führt“. All diese Orte habe er besucht und an Todeszellen und Gaskammern die „tiefe Scham gefühlt“. So sei er 2001 mit zehn Schülerinnen des Gymnasiums am Kaiserdom in der Projektwoche zu einem fünftägigen Seminar „Wider das Vergessen“ nach Auschwitz gefahren. Jakob verlas ein Schreiben aus einem erarbeiteten Text mit dem Titel „Der unüberhörbare Schrei“. Die Gymnasiastinnen formulierten: „Nichts zu hören auf der Rampe von Birkenau, in den Baracken und gesprengten Krematorien, kein Laut in den Todeszellen von Auschwitz. Und auf den Fluren mit den Fotos der verlorenen Seelen. Und doch schwillt alles zu einem unüberhörbaren Schrei.“

Schließlich kam dem langjährigen Dekan am Gedenkstein die Übergabe der Menorah in den Sinn, 2011 an Beith Shalom, die neue Speyerer Synagoge – ein sichtbares Zeichen der Versöhnung der Katholischen und evangelischen Christen. Elferts stets skeptische Worte sieht Jakob heute als gerechtfertigt an. Vom Holocaust als „Vogelschiss der Geschichte“ zu reden, sei „einfach geschichtsklitternd und boshaft“, ende mit menschenverachtenden, brutalen Taten und verhindere nur, weil eine Tür standhaft ist, ein Massaker. Jakob: „Der Ungeist von gestern darf nicht zum Zeitgeist von heute werden“

Der heutigen Generation müssten die Schreckenstaten, die sechs Millionen Todesopfer forderten, als Warnung weitergegeben werden, mahnte DGB-Stadtverbandsvorsitzender Axel Elfert zu Wachsamkeit vor den Gruppierungen, „die den Rassenwahn in neue Formen gießen“. Er rief zu „aktivem Widerstand“ auf, um, früh zu verhindern, dass unbelehrbare Nazis ihren Nährboden erhalten. „Speyer darf nie wieder braun werden“, betonte Elfert vor allem in die Richtung der von Mitgliedern der AfD angeführten Randgruppe, die durch Zwischenrufe und Pfiffe versucht hatte, die Veranstaltung zu stören.

Musikalisch begleitet wurde die Gedenkstunde von Liedermacher Uli Vanion und der Gesangsgruppe „Rote Raben“. Seinem Wunsch zum Mitsingen der Protesthymne „Die Moorsoldaten“ kamen die meisten der Besucher dank ausgegebener Textblätter gerne nach.

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