Speyer

Dombauverein Erwin Reidingers neue Erkenntnisse zur Planung

Geknickte Kirchenachsen – kein Fehler, sondern Absicht

Speyer.Die „Wiederentdeckung verlorenen Wissens“ hat sich der bei Wien lebende Bauingenieur Prof. Erwin Reidinger zur Aufgabe gemacht. Auf Einladung des Dombauvereins berichtete er im vollbesetzten Vortragssaal der Volksbank Kur- und Rheinpfalz in Speyer über seine spektakulären Forschungsergebnisse – insbesondere an Sakralbauten – und zog damit die Zuhörer in seinen Bann.

Viele Kirchen, so übrigens auch der Speyerer Kaiserdom, haben, wie Erwin Reidinger in langjährigen Untersuchungen feststellte, einen Achsknick, der meist am Ende des Langhauses beginne und zur Folge habe, dass der Chor für den durchschnittlichen Betrachter oft kaum sichtbar eine leicht andere Ausrichtung habe. Am Beispiel des Stephansdoms in Wien sowie anderer Kirchen in seiner österreichischen Heimat gelang es Prof. Reidinger, den Zuhörern anhand von Bildern auch visuell zu zeigen, dass seine Feststellung zutrifft.

Reidinger steht übrigens für eine Forschungsdisziplin, die bautechnische, geodätische und astronomische Methoden miteinander verbindet. Dies habe ihn, wie er ausführte, dazu veranlasst, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, ob die Achsknicke wie bisher angenommen Planungsfehler seien oder ganz im Gegenteil als eine geplante architektonische Aussage verstanden werden sollten.

Gebet zur aufgehenden Sonne hin

Die Christen beteten ursprünglich mit erhoben Händen nach Osten zur aufgehenden Sonne als Metapher für Christus. Das Beten in Richtung aufgehender Sonne habe dazu geführt, dass Sakralbauten mit ihrem Chor zur aufgehenden Sonne hin ausgerichtet wurden. In den Fällen, in denen sich ein Kirchengebäude nicht komplett entlang seiner Längsachse ausrichte, sondern der Chor leicht versetzt sei, habe er unter astronomischen Gesichtspunkten nach den Gründen geforscht. Dabei habe sich zum Beispiel ergeben, dass der Chor des Stephansdoms in Wien seine Orientierung auf den Sonnenaufgang am 26. Dezember 1137, dem Tag des Heiligen Stephanus, bekommen habe. Die Gründe dafür könne man darin vermuten, dass man dem Chorraum theologisch eine höhere Bedeutung als dem Langhaus zusprechen wollte.

Gedenktag von Erzengel Michael

Nach der Sichtung alter Pläne des Speyerer Doms habe er ermittelt, dass die zentrale Achse, die durch das Mittelschiff führe, am Beginn des Querhauses leicht nach rechts versetzt sei. Demgegenüber führe die Achse auf der Höhe der Krypta exakt durch die Mitte des Krypta-Fensters. Der Dom sei nach Osten ausgerichtet, aber Langhaus und Chor seien auf den Sonnenaufgang an verschiedenen Tagen orientiert. Seine astronomischen Untersuchungen hätten, wie Prof. Reidinger ausführte, ergeben, dass die Längsachse des Mittelschiffs auf den Sonnenaufgang am 25. September 1027 ausgerichtet sei, der Chor hingegen auf den Sonnenaufgang am 29. September 1027. Das sei der Gedenktag des Erzengels Michael.

Der Erzengel Michael sei damals als Schutzpatron des Heiligen Römischen Reiches angesehen worden. Am Ostersonntag des Jahres 1027 sei Konrad II. dann zum Kaiser gekrönt worden. So sei es durchaus plausibel, dass im September desselben Jahres der Grundstein zum Kaiserdom zu Speyer gelegt worden sei, den Konrad als Grablege des Geschlechts der Salier verstanden habe. Angesichts dieser Bedeutung spreche vieles dafür, dass Konrad bei der Gründung des Kaiserdoms anwesend gewesen sei. Urkundlich sei bekannt, dass er sich in dieser Zeit im Rheingau aufgehalten habe. zg/gj

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