Speyer

Klassik Passionskantaten von Buxtehude bei Internationalen Musiktagen in der Josephkirche

Heilsame Wandlungen

Archivartikel

Speyer.Äußerlich wandert der Blick von unten nach oben, aber innerlich in die Tiefe. Diese gegenläufigen Prozesse macht Dietrich Buxtehude in seiner Passionskantate „Membra Jesus nostri“ auf vielfältige musikalische Weise sinnfällig. Der Glaubende nimmt in diesen Gesängen die Perspektive eines Betrachters ein, der den Verletzungen des Gekreuzigten von den Füßen bis zum Haupt meditierend nachsinnt.

In der Versenkung von Todesnähe und Verlassenheit erfährt der Hörende, der sich in diese Bewusstseinshaltung begibt, eine heilsame Wandlung: Vom hilflos Betroffenen zum Getrösteten, dem im bittersten Schmerz Hoffnung zuteil wird. Dass die Aufführung von Buxtehudes siebenteiligem Zyklus über das Leiden und Sterben Jesu im aktuellen Kirchenjahr einen antizyklischen Akzent setzt, verstärkt die ikonografische Relevanz dieses Vorgangs in Krisenzeiten, wie die unsere eine ist. Die an die noch immer wütende Pest gemahnenden leeren Bankreihen in der Speyerer Kirche St. Joseph signalisieren zur Genüge, wo es Anlass gäbe, über Lebensformen nachzudenken, deren schädliche Folgen inzwischen kaum mehr zu übersehen sind.

Doch man darf sich diese eine Stunde Kirchenmusik, die der Vokalkunst Heinrich Schütz’ noch weitaus näher steht als der hochbarocken Johann Sebastian Bachs, keineswegs als trübes Ereignis vorstellen. Vielmehr leuchten in der Schlichtheit der Besetzung, im Verzicht auf oratorische Dramatik und in der Demutshaltung des Beters, der die sieben Leidensstadien durchläuft, zugleich berückende harmonische Wendungen auf. Auch beglücken die melodischen Entwicklungen viel zu sehr, um ausschließlich Trauer zu empfinden.

Zahlreiche Gefühlsnuancen

Ein kostbares Stück Musik, das beim famosen Barockensemble „L’arpa festante“ mit fein-seidenem, sensitiv-behutsamem Spiel eine liebevolle Behandlung erfährt. Unter der Leitung von Joachim Weller, der auch an der Truhenorgel sitzt, entfaltet sich in der Josephkirche durch Violinen, Gamben, Bass und Laute ein mit zahlreichen Gefühlsnuancen besaiteter warmer Orchesterklang, der über die Leidensstadien des Beters beim Blick auf den Gekreuzigten einen pastellfarbenen Horizont spannt.

Vor diesen zartkolorierten Hintergrund fügen sich die fünf Gesangssolisten mit innigem Empfinden für die mystischen und poetischen Textelemente ein. Der weite Abstand der Sängerinnen und Sänger zueinander ermöglicht ein aufgefaltetes Klangbild, das in Ensemblepassagen annähernd chorische Verhältnisse suggeriert.

Anabelle Hund, Angelika Lenter (beide Sopran), Franz Vitzthum (Altus), Thomas Jakobs (Tenor) und Michael Marz (Bass) lassen bei der Vergegenwärtigung der Leiden Jesu innere Betroffenheit spürbar werden und gestalten ihre Arien auf hohem Gesangsniveau. Davon bleibt in St. Joseph niemand unberührt – im Bildnis des Leidenden können sich die Bedrängten aller Zeiten wiederfinden. Selbst eine um Reputation und Relevanz kämpfende Kirche mag darin zur Ruhe kommen.

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