Speyer

Picknick-Konzert Stephanie Neigel präsentiert Songs zwischen Moral und Anstand

In die Seele der Hörer

Archivartikel

Speyer.Es soll Vormittage geben, die der sommerlichen August-Hitze nicht nur auf unkonventionelle Art und Weise ihre einzigartige Kunst entgegenzusetzen haben: In Speyer darf man spätestens seit Sonntag auch zahlreiche hundert Zuhörer zählen, die einen solches Ereignis bezeugen durften. Die Mannheimer Sängerin Stephanie Neigel liegt da ganz richtig, all jene, die sich auf dem Parkareal nahe der Stadthalle ins schattige Gras gesellt haben, auf ein „kleines Woodstock“ einzustimmen: Denn in der Tat hat hier ein Publikum Platz genommen, das sich auf das genaue Zuhören versteht und das Gehörte dennoch – oder gerade deswegen – episch feiert. Dieser magische Vormittag mit flirrenden Klängen zwischen Jazz und Pop gerät so zu einem natürlichen Zauberspiel der Melodien, das für seine artistische Kraft zwei Quellen zu nennen weiß.

Die eine sind zweifelsohne die treuen Anhänger der sogenannten Picknickkonzerte, die in Speyer längst Kultstatus genießen. Zu den Fans dieser Reihe zählen auch Gerlinde Fischer, Monika Sold, Roswitha Stögbauer und Jörg Boese. In einträchtiger Runde sitzen sie da, genießen warme Croissants und einen frischen Kaffee – das Lächeln ist ihnen wie ins Gesicht gezeichnet. „Dass wir hier auf solche Konzerte zählen können, die uns bei kostenfreiem Eintritt wunderbare Erinnerungen bescheren, ist einfach eine tolle Einrichtung“, wie Jörg Boese im Gespräch mit der „Schwetzinger Zeitung“ erzählt und von den Gästen neben ihm so manches bestätigende Kopfnicken erntet. Und tatsächlich: Die Idylle des kleinen Parkstückes ist unverkennbar und verfügt über eine Energie, die für sich selbst spricht. Da muss man noch nicht einmal mit Künstler oder Musik vertraut sein, die es in den kommenden Stunden zu hören gibt: Von einigen Bäumen geziert und links wie rechts mit Ständen ausstaffiert, die sämtlichen Brunch-Willigen frisch zubereitete Speisen und Getränke feilbieten, gilt es nur noch die eigene Decke auf dem Boden auszulegen und Lebensenergie zu tanken.

Spüren und Erkunden

Von dieser Atmosphäre profitieren auch Stephanie Neigel und die Ihren – womit man bereits den zweiten Punkt beschrieben hätte, der diesen Vormittag so auszeichnet: seine Hürdenlosigkeit. Sonst längst auf den großen Bühnen der Republik unterwegs, hat Neigel nur einige Matten auf das saftige Grün gelegt, die Schlagzeug und Keyboards den nötigen Stand verleihen – der Rest ist pures Spüren und Erkunden. Baren Fußes bewegt sich die 32-Jährige auf idyllischem Grund, baren Mutes schreibt sie sich in die Seele ihrer Hörer ein. Denn eines steht ohne Zweifel fest: Was Neigel auf ihrem neuen Album „In Sachen Du“ anzubieten hat, ist keineswegs nur bunt kolorierte Zuversicht. Stattdessen verkörpern ihre Songs vielmehr ein Mahnmal, das zwischen Moral und Anstand hin und her pendelt.

Das eigene Chaos freilich ist dabei steter Dreh- und Angelpunkt von Neigels Philosophie („Kirmes im Kopf“), der den schamlosen „Egoisten“ an der Supermarktkasse ebenso kennt, wie die „Frage an die Zeit“, von der es einfach immer zu wenig zu geben scheint. Bei aller Melancholie und Lebenskritik, die in nahezu jeder Nummer wie ein fester Kern steckt, sind es Groove und Tenor, die für Leichtigkeit, Hoffnung und den Blick nach vorne sorgen.

Das geschieht zum einen durch den stets kraftvollen, aber niemals wuchtigen Gesang von Neigels Stimme, der dem Sound seine Anführerin schenkt – doch gerade das akustische Set dieses Vormittags kennt auch andere Gewinner. Alex Merzkirch etwa grundiert die Nummern am Bass wie ein achtsamer Begleiter, der sonoren Melodien ihr uriges Element verpasst, Volker Engelberth schenkt dem Publikum dagegen die farbigen Momente, die jeden genossenen Moment in Vielfalt noch einmal nachhallen lassen. Die größte Last verwandelt Thomas Sauerborn am Schlagzeug in pure Wonne. Gänzlich unverstärkt, lässt er den Jazzbesen ebenso kunstfertig wie dynamisch über die Trommeln schwingen und rundet so ein Klang-reise ab, von der man sich am liebsten nie verabschieden würde.

Das Wichtigste von heute
Newsticker Rhein-Neckar
Newsticker Schwetzinger Zeitung
Newsticker überregional