Speyer

Gedächtniskirche Ben Becker erhält frenetischen Applaus für seine Darstellung des Verräters

Judas – ein Denunziant?

Speyer.Das hatte Wucht – Ben Becker als Judas Ischariot in der ausverkauften Speyerer Gedächtniskirche: Das „Enfant terrible“ unter den deutschen Schauspielern als Wiedergänger des Mannes, der seit 2000 Jahren als Sinnbild eines Verräters gilt. Für 30 Silberlinge soll er Jesus ans Kreuz geliefert haben – und jetzt relativiert er seine Tat auch noch.

Nach Texten von Amos Oz und Walter Jens entstand das Stück, das Ben Becker anfangs im Berliner Dom zeigte und das er in der Domstadt nun bereits zum 100. Male aufführte.

Ruhig, fast kontemplativ und mit seiner bekannt sonoren Stimme füllt Becker den Raum, als sich der Verräter zunächst zu seiner Tat bekennt. Trotzdem trägt Judas weiße Kleidung – keine Trauer, keine Reue. Vielmehr Trotz und Rechtfertigung. Er, ein Denunziant? Ein Dieb? Ein Betrüger? Gar Teufels Sohn? „Nein“, wird Judas später halb leidend, halb überzeugt in den Echoraum der karg beleuchteten Gedächtniskirche schreien.

Es ist jener Moment, in der Ben Becker seine größte darstellerische Kraft entfaltet. Pointiert ist sein Spiel mit der Gestik, präzise sein Stimmeinsatz – schauspielerisch ist der 55-Jährige schlichtweg genial. Der Diskurs mit sich selbst über die Folgen seines Verrats, ist der neuralgische Punkt des Stücks. Gäbe es Judenhass ohne Judas? Hätte es den Nationalsozialismus gegeben – und das Gas? Messerscharf schneiden die Worte jetzt den Raum.

Opfer der Geschichte

Judas Ischariot vermittelt an diesem Abend glaubhaft, dass er selbst das Opfer ist – Opfer einer Geschichte, deren Verlauf lange geschrieben stand. Ohne ihn, sagt er, hätte es keine Kreuzigung gegeben – und damit auch keine Erlösung des Menschen von der Sünde. Es habe eines Menschen bedurft, um Jesus zu überführen, sagt Judas.

Gleichzeitig stehe er selbst als Exemplar dafür, „dass wir alle Erlösung brauchen“. Er habe lediglich seinen historischen Auftrag erfüllt. Ohne dass Judas sie ausspricht, stellt er die Frage: Sind wir heute nicht alle Verräter? Am Klima, an der Generation unserer Kinder?

Als sich Ben Becker verbeugt, bekommt er frenetischen Applaus.

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