Speyer

Stadtarchiv Spende der Kulturstiftung macht Digitalisate von Akten aus Jerusalem zugänglich

Jüdisches Leben vor 1938 wird erfahrbar

Archivartikel

Speyer.Nach der großen mittelalterlichen Vergangenheit als Teil der SchUM-Städte mit Mainz und Worms bildete sich um 1800 in Speyer wieder eine jüdische Gemeinde. Deren Akten wurden in der Pogromnacht 1938 beschlagnahmt und ins Staatsarchiv Speyer verbracht. Nach dem Krieg kamen diese Akten – über die französische Militärregierung, deutsche Behörden und jüdische Nachfolgeorganisationen – in die Central Archives for the History of the Jewish People in Jerusalem.

Die Central Archives, die sich als Archiv der Diaspora verstehen, agieren zwar weltweit, aber die Hälfte ihrer Bestände stammt aus Deutschland. Die Überlieferung jüdischer Quellen ist sehr kompliziert: So verstreut, wie die Juden über die Welt sind, so sind es auch ihre Akten. Salomon Korn, der frühere Vorsitzende des Zentralrates, drückte es 2005 so aus: „Die Akten der jüdischen Vorkriegsgemeinden teilen das Schicksal jüdischer Menschen: ausgeplündert, vertrieben, über alle Welt verstreut.“

Als die Archivverwaltung Rheinland-Pfalz in den 1970er und 1980er Jahren die Dokumentation zur Geschichte der Juden Rheinland-Pfalz erstellte, wurden Teile der Unterlagen verfilmt und die Mikrofilme dem Landesarchiv Speyer übergeben.

In der von Katrin Hopstock konzipierten Ausstellung „Das jüdische Speyer im Druck“ wurden 2016 erstmals Digitalisate dieser Speyerer Archivalien aus den Central Archives, die weitgehend unbekannt sind, gezeigt. Oberbürgermeister Eger regte in seinem Grußwort bei der Ausstellungseröffnung in der Synagoge an, weitere digitale Reproduktionen anfertigen zu lassen.

Von Synagoge bis Vereinswesen

Dank einer Spende der Kulturstiftung von 1000 Euro und der Kooperationsbereitschaft des israelischen Archivs wurden die wichtigsten Quellen für das Stadtarchiv digitalisiert. Die Dokumente sind vor allem deshalb so interessant, weil sie die innerjüdische Sicht widerspiegeln, während das Schriftgut der Archive hierzulande meist nur die Perspektive deutscher Behörden wiedergibt.

Die Akten der jüdischen Vorkriegsgemeinde gehen bis 1836 zurück. Sie enthalten Aufzeichnungen über das Finanz- und Kassenwesen, zum Kultus, also Synagoge und Friedhof, zum jüdischen Unterrichtswesen, zum Wohlfahrtswesen und zu den jüdischen Vereinen. Da das Stadtarchiv an der Übernahme von Vereinsunterlagen sehr interessiert ist, freut es sich über diese Dokumente besonders.

Die Abgabe von Reproduktionen durch die Central Archives in Jerusalem an deutsche Archive ist auch ein Zeichen für die wieder erlangte Normalität der Beziehung zwischen den beiden Staaten nach dem singulären Verbrechen des Holocaust.

In einer Pressekonferenz hat die Stadt Speyer sich bei der Kulturstiftung Speyer für die Förderung bedankt und diesen Neuzugang des Stadtarchivs der Öffentlichkeit vorgestellt. Neben Oberbürgermeister Hansjörg Eger und der Leiterin des Stadtarchivs, Christiane Pfanz-Sponagel, nahm mit Prof. Dr. Dr. hc Peter Eichhorn der Vorsitzende der Kulturstiftung Speyer teil.

Erst die Unterstützung der Stiftung ermöglichte den Erwerb der Digitalisate der Akten der Speyerer jüdischen Vorkriegsgemeinde aus den Central Archives. Sie sind nicht nur eine wichtige Quelle für das Buchprojekt „Speyer im Nationalsozialismus“, sondern auch für die geplante Quellenedition „Zeugnisse jüdischen Lebens in Speyer“, die bei der Bewerbung der SchUM-Städte als Weltkulturerbe in Kooperation von Speyerer Archivaren, Historikern und Lehrern entsteht.

Zielgruppe jener Publikation ist neben Lehrern und Schülern (Unterrichtsmaterial) auch die historisch interessierte Öffentlichkeit. zg

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