Speyer

Klassik Markus Eichenlaub spielt zum Auftakt des Internationalen Orgelzyklus im Dom / Ausdruckspalette des Instruments bei Barock bis Spätromantik ausgelotet

Klangmischung reicht nah an Transzendenz

Speyer.Auf der Setzeranlage der Hauptorgel im Dom sind für dieses Konzert über 400 unterschiedliche Registerkombinationen gespeichert, die Registrant Adrian Brech per Knopfdruck auslöst. Domorganist Markus Eichenlaub geht zum Auftakt des Internationalen Orgelzyklus mit all diesen Farbmischungen geradezu verschwenderisch um. Mit Werken vom Barock bis zur Spätromantik lotet er die um keine Nuance verlegene Ausdruckspalette seines Wunderinstruments aus.

Wenn sich die Klänge der Haupt- mit jener der 60 Meter entfernten Chororgel mischen, stellt sich im gut besuchten Dom der Eindruck einer schwebenden Unbestimmbarkeit ein, der einer Transzendenz-Erfahrung durchaus nahe kommt. Sein Programm hat Markus Eichenlaub aus Themen mit Variationen zusammengestellt, die größtenteils für Orgel bearbeitet wurden.

In Bachs Chaconne in d-Moll für Solovioline (Orgelbearbeitung: Arno Landmann) entfaltet der Domorganist jene seelenvolle Tragik, in der monumentale Erdenschwere mit himmelsnaher Leichtigkeit ringt. Flirrende Oberstimmen legen sich über einen gravitätisch dahinschreitenden Pedalbass, und das Auf- und Abschwellen der Dynamik gibt den inneren Entwicklungen eine zusätzliche Dramatik. Einschließlich Passagen, in denen die Orgel eine Violine zu imitieren scheint, um dann doch ihre orchestralen Kapazitäten auszuspielen.

Brückenschlag zur Moderne

Das verführerische Thema in Sigfrid Karg-Elerts 54 Studien über ein Thema, das sich als Hommage an Georg Friedrich Händel versteht, stellt Eichenlaub nicht einfach in den Raum. Als es zum ersten Mal erklingt, wirkt es so, als betrachte es der Organist selbst aus einer bewundernden Distanz. Jede Variation erklingt in einer anderen Registrierung, und tatsächlich findet der Organist die jeweils passende Klangsprache für die zahlreichen charaktervollen Studien, die auf reizvolle Weise eine Brücke vom Barock bis zur Moderne schlagen. Beeindruckend, mit welcher Ruhe und Übersicht Eichenlaub an seinem Instrument agiert und mit welcher Sorgfalt und Behutsamkeit er die besonderen Klangverhältnisse im Dom würdigt.

Trotz der dichten Klangballungen gelingt es dem Interpreten, die Strukturen in César Francks Symphonischen Variationen (Orgelbearbeitung: Jörg Abbing) aufzuhellen und die Bindekräfte zwischen den einzelnen Variationen zum Vorschein zu bringen. Franz Schmidts Variationen und Fuge über die Königsfanfaren in seiner Oper „Fredigundis“ schwankt zwischen harmonischer Verausgabung und atonaler Entgleisung.

Doch Markus Eichenlaub lässt sein Konzert mit diesem Stück in ein hymnisch-triumphales Finale münden. Es schließt auf einer punktierten Sechzehntelnote – wie eine rhetorische Aufforderung, den leer bleibenden Klangraum zu füllen.

Man mag dies als Aufforderung an die nachfolgenden acht Künstler verstehen. Tatsächlich verspricht der Orgelzyklus im Speyerer Dom bis November ein Konzertprogramm mit international renommierten Interpreten, das unbekannte Orgelschätze, selten aufgeführte Werke und reizvolle thematische Konzepte bietet. Jenseits von ihrem liturgischen Gebrauch scheint die Orgelmusik also noch für viele Entdeckungen und Überraschungen gut.

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